Thüringen

Preis für einen unbequemen Lyriker

"Bequem war er selten", sagt Norbert Lammert über Wolf Biermann. Der Liedermacher und Lyriker erhielt vom Kuratorium Deutsche Einheit den Point-Alpha-Preis.



Auch auf Point Alpha blieb er sich treu; Preisträger Wolf Biermann bot statt einer Rede dem Festakt-Publikum ein Konzert. Fotos: Heiko Matz
Auch auf Point Alpha blieb er sich treu; Preisträger Wolf Biermann bot statt einer Rede dem Festakt-Publikum ein Konzert. Fotos: Heiko Matz  

Geisa/Rasdorf - Der Festakt zur Verleihung des zehnten Point-Alpha-Preises am 17. Juni an den Liedermacher, Lyriker und ehemaligen DDR-Dissidenten Wolf Biermann hob sich von den vorherigen ab. Aus aktuellem Anlass gab es erstmals eine Totenehrung. Am Freitag war Altbundeskanzler Helmut Kohl (CDU) gestorben, der im Jahr 2005 zusammen mit Ex-Kreml-Chef Michail Gorbatschow und dem ehemaligen US-Präsidenten George Bush senior der erste Empfänger des Point-Alpha-Preises war. Christine Lieberknecht (Präsidentin des Kuratoriums Deutsche Einheit und ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin, CDU) würdigte Kohl zu Beginn des Festakts als "großen Patrioten und Europäer". Er habe fest an die Überwindung der Teilung Europas geglaubt und im richtigen Moment seinen Beitrag zur Einigung seines Vaterlandes und Europas geleistet.

Wolf Biermann: Daten seines Lebens

Im November 1936 geboren, wuchs Wolf Biermann in einem kommunistisch geprägten Elternhaus auf. Der Vater war Jude und wurde 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet. 1953 übersiedelte Biermann auf eigenen Wunsch in die DDR, welche er für den besseren Teil Deutschlands hielt. Er machte Abitur, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität, war 1957 bis 59 Regieassistent am Brechttheater "Berliner Ensemble". Ein zweites Studium (Philosophie und Mathematik) folgte. Seit 1960 schreibt er Lieder und Gedichte. 1961 gründete er das Hinterhoftheater "b.a.t." im Stadtteil Prenzlauer Berg (1963 wurde es verboten). Konzerte gab Wolf Biermann zunächst in der DDR. 1964 und 1965 durfte er zu Konzerten auch in die Bundesrepublik fahren.

Im November 1965 sprach die DDR-Regierung Biermann ein Auftritts- und Publikationsverbot aus. Seine Lieder und Gedichte verbreiteten sich im Land durch Handabschriften und Tonbandkopien bzw. wurden in den Westen geschmuggelt und dort als Bücher und Schallplatten veröffentlicht.

1976 durfte Biermann für die IG Metall in Köln ein Konzert geben, doch verweigerte man ihm die Rückkehr. In Ost und West löste dies eine große Protestbewegung aus. In der Bundesrepublik blieb Biermann mit unbequemen Texten politisch aktiv, unternahm Konzertreisen in viele Länder, veröffentlichte viele Bücher, erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

Im November 1989 gab Wolf Biermann ein Konzert in Leipzig und gehörte 1990 zu den Besetzern der Ost-Berliner Stasizentrale.

Mit seiner Frau Pamela lebt er seit 1983 in Hamburg-Altona, seit November 1989 ist das Paar verheiratet.

 

Rund 1000 Gäste saßen oder standen am Samstagnachmittag in und vor der Fahrzeughalle in der Gedenkstätte Point Alpha, um die Verleihung des mit 25 000 Euro dotierten "Point-Alpha-Preises für die Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit" mitzuerleben. Die Big Band der Musikschule Wartburgkreis unter Leitung von Jochen Wölkner umrahmte den Festakt. Christine Lieberknecht äußerte sich erfreut, mit der zehnten Preisverleihung eine weitere, hoch spannende, unverzichtbare Seite "im Buch zur erfolgreichen Überwindung von Diktatur und für Demokratie, Einheit und Frieden" aufschlagen zu können: "Diese Seite gilt der Kraft des Wortes. Sie gilt dem Mut, nur mit der Gitarre in der Hand zu singen, leise, aber doch deutlich vernehmbar, hörbar, manchmal auch laut. Diese Seite gelte den bleibenden unbequemen Wahrheiten als Lebenselixier der Demokratie. "Unsere Demokratie braucht Leidenschaft. Sie braucht Mitmacher und Streiter für Überzeugungen und Wahrheiten", sagte Lieberknecht.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hielt zum zweiten Mal eine Laudatio für einen Point-Alpha-Preisträger: 2013 hatte er den ehemaligen polnischen Staatspräsidenten und Begründer der Solidarnosc-Bewegung, Lech Walesa, gewürdigt. Lammert sorgte zunächst für Erheiterung, als er das Publikum mit "Guten Morgen, meine Damen und Herren" begrüßte, beeindruckte aber mit seiner frei gesprochenen Festrede. Auch er würdigte den ersten Preisträger und meinte: "Kohl hätte sich zu Lebzeiten nie träumen lassen, einmal im selben Zusammenhang mit Wolf Biermann genannt zu werden." Dass der Point-Alpha-Preis am 17. Juni verliehen wird, findet Lammert gut. "Ich hätte es für eine gute Idee gehalten, den 17. Juni als Feiertag beizubehalten", sagte er. In der Bundesrepublik war er vor der Wiedervereinigung als Gedenktag an den Volksaufstand 1953 in der DDR gesetzlicher Feiertag. Weitere, gescheiterte Aufstände in anderen Ostblock-Ländern seien gefolgt, die aber am Ende eine grandiose Veränderung in Deutschland und Europa möglich machten, die vielen reichlich 27 Jahre danach beinahe schon selbstverständlich vorkomme. "Wenn es eine deutsche Begabung gibt, ist es die, Ereignisse, die wir jahrzehntelang für vollkommen unmöglich gehalten haben, dann als Selbstverständlichkeit zu betrachten", erklärte Lammert.

Biermann sei lange und fest von der Überlegenheit des Kommunismus überzeugt gewesen und freiwillig in die DDR gegangen. Doch mit seinen ehrlichen, provokanten Texten sei er alsbald im SED-Staat angeeckt. Rund 200 Stasi-IM berichteten über ihn. 56 Aktenbände mit rund 50 000 Seiten umfasst der Vorgang "Lyriker". Dem Auftrittsverbot folgte 1976 der Rauswurf. "Es ist oft geschrieben und gemutmaßt worden, dass Biermanns Ausbürgerung der Anfang vom Ende der DDR war", sagte Norbert Lammert. Dem habe der Liedermacher stets widersprochen: "Kein Staat kann kippen, wenn er einen Mann mit Gitarre ausweist." Von Bedeutung seien aber die folgenden Proteste gewesen. "Insofern gehört die Ausbürgerung von Wolf Biermann zu den fatal falschen Schlüsselentscheidungen des DDR-Systems", so der Laudator. Nach der Rückkehr in den Westen zog sich der Liedermacher und Lyriker nicht aus der Politik zurück. "Biermanns Begabung, alle gegen sich aufzubringen, war damals stark ausgeprägt gewesen." Doch auch mit dem wiedervereinigten Deutschland habe Wolf Biermann seine Probleme gehabt und wohl auch behalten. "Deutschland ist wieder eins, nur ich bin noch zerrissen", heißt es in einem seiner Texte. Andererseits formulierte er seine persönliche Einsicht: "Ich habe begriffen, wie hochmütig mein Spott auf die bürgerliche Demokratie war. Sie ist das am wenigsten Unmenschliche, was wir Menschen bisher ausprobiert haben und wir gehören zu einer Minderheit der Bevölkerung auf der Welt, die in regelmäßigen Abständen durch Wahl bestimmen kann, von wem wir regiert werden." Norbert Lammert hält es weder für wahrscheinlich noch für wünschenswert, "dass dieser Biermann, so lange er seiner Sinne und Stimme mächtig ist, jemals die Schnauze halten wird." Doch auch oder gerade eine Demokratie brauche den Widerspruch. "Und sie braucht ihn am meisten, wenn sie am sichersten glaubt, darauf verzichten zu können.", so Lammert.

Nachdem Christine Lieberknecht gemeinsam mit Norbert Kleinheyer (Sekretär des Kuratoriums Deutsche Einheit) und Jürgen Aretz (Vizepräsident des Kuratoriums) den Preis an Wolf Biermann überreicht hatte, fragte dieser: "Bin ich jetzt dran?" Dann zog er die Lederjacke aus, hängte sie über einen Mikrofonständer und griff zur Gitarre. Als er vor einigen Wochen gefragt worden sei, ob er den Point-Alpha-Preis annehmen wolle, habe er weder gewusst, dass es diesen Preis gibt und wer ihn verleiht. Also machte er sich im Internet kundig und kam zu dem Schluss, dass der Preis ihm nicht schaden würde, denn manches Lob könne ja auch eine Schande sein, über die man sich schämen müsse. "Aber von ihnen, Frau Lieberknecht, lasse ich mir so einen Preis anhängen. Und wie sie schon dunkel ahnen, gehöre ich auch zu denen, die lieber gelobt als gelyncht werden", sagte Biermann. Norbert Lammerts Laudatio sei eine Retourkutsche: "Neulich bekam er in Hamburg einen Preis und ich hielt die Lobrede." An Helmut Kohl denke er heute nicht mit einem Grinsen: "Seine Lüge über die blühenden Landschaften, die er damals in die Welt setzte, um gewählt zu werden, hat sich als Wahrheit erwiesen."

Auf die vorgesehene Erwiderungsrede des Preisträgers wolle er verzichten, "weil ja der Lammert schon alles gesagt hat". Stattdessen bot der Liedermacher und Lyriker ein Konzert mit zehn Liedern und Gedichten und erzählte ein wenig aus seinem 80-jährigen Leben. "Ich hatte nach dem Bau der Mauer nie den Wunsch gehabt, in den Westen zu kommen, nur nach Hamburg", gestand er. Nach seiner Vaterstadt habe er Heimweh gehabt, habe die DDR aber als Vaterland betrachtet. "Der kommunistische Kinderglaube, mit dem ich aufwuchs - denn kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird - wollte gerne, dass mein Glaube in der DDR verwirklicht wird", so Biermann.

"Es senkt das deutsche Dunkel sich über mein Gemüt, es dunkelt übermächtig in meinem Lied. Das kommt, weil ich mein Deutschland so tief zerrissen seh. Ich leb in der besseren Hälfte und habe doppelt Weh", sang Wolf Biermann und erzählte, wie er mit diesem Lied in Ost und West Ärger hervorrief, selbst bei seinen einstigen Wohngenossen aus der Linken-WG. "Dass ich ,mein Deutschland' schrieb, fanden sie obszön", sagte er. Seinem Freund Jurek Becker (Schriftsteller und Drehbuchautor), der als jüdischer Junge das Warschauer Getto überlebt hatte, habe das Lied hingegen gefallen, und er wollte es oft hören. Bekannte Lieder wie "Ikarus" und "Liebespaar in großer politischer Landschaft" hörte das Publikum auf Point Alpha. Sein Lied "Ermutigung" habe es übersetzt sogar ins Gesangbuch der schwedischen Kirche geschafft. "Die Schweden singen es gerne und meinen, es sei ein altes Volkslied", sagte Wolf Biermann. Auf Point Alpha sang er es in der deutschen Version, als Zugabe.

 
Autor
Stefan Sachs

Stefan Sachs

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
18. 06. 2017
20:06 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Begabung Berliner Ensemble CDU Christine Lieberknecht DDR Demokratie Feiertage George Bush Gitarre Helmut Kohl Humboldt-Universität IG Metall Jurek Becker Lech Walesa Lyriker Michail S. Gorbatschow Norbert Lammert Point Alpha Preise Wolf Biermann
Geisa Rasdorf
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Am 9. Februar zu Gast in Bamberg: DDR-Liedermacher Wolf Biermann

16.06.2017

Liedermacher Biermann erhält Point-Alpha-Preis für Einheitsverdienste

Mit poetisch-subversiven Texten erhob Liedermacher Wolf Biermann zu DDR-Zeiten seine Stimme gegen die Staatsmacht. Weil er «Künstler und leidenschaftlicher Streiter für Frieden und Freiheit» war, bekommt er nun 80-jährig... » mehr

Wolf Biermann

07.04.2017

Liedermacher Wolf Biermann erhält renommierten Point-Alpha-Preis

Der Liedermacher und frühere DDR-Dissident Wolf Biermann erhält den diesjährigen Point-Alpha-Preis. Die Auszeichnung ist mit 25 000 Euro dotiert und würdigt Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas. » mehr

Preisträger Richard Schröder referierte in seiner Dankrede über direkte und repräsentative Demokratie. Fotos: St. Sachs

20.06.2016

Preis für einen couragierten Denker

Der Bürgerrechtler und SPD-Politiker Richard Schröder hat am Sonntag vom Kuratorium Deutsche Einheit den Point-Alpha-Preis erhalten. Der Preisträger warb für die repräsentative Demokratie. » mehr

Wolfgang Schäuble

21.06.2015

Schäuble mit Point-Alpha-Preis geehrt

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung hat der heutige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Sonntag für seine Verdienste um die deutsche Einheit den Point-Alpha-Preis erhalten. Die Ehrung, die er erhalten... » mehr

jwe-schmidtmuetze_010610

01.06.2010

Point-Alpha-Preis für Altbundeskanzler Schmidt

Geisa/Rasdorf - Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) kommt am 17. Juni auf den Point Alpha, um den gleichnamigen Preis entgegen zu nehmen. Schmidt wird in der Gedenkstätte bei Geisa (Rhön) geehrt für "herausragende Verd... » mehr

geisa

15.06.2013

Point-Alpha-Preis für Lech Walesa

Geisa - Für seine Bemühungen um die Einheit Deutschlands und Europas wird der einstige polnische Gewerkschaftsführer Lech Walesa am Sonntag mit dem Point-Alpha-Preis 2013 geehrt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Robbie Williams

Robbie Williams in Dresden | 27.06.2017 Dresden
» 60 Bilder ansehen

Rats-Runners Walldorf

Rats-Runners in Walldorf | 26.06.2017 Walldorf
» 11 Bilder ansehen

Feel The Rhythm Open Air Veilsdorf

Elektronik Open Air Veilsdorf | 24.06.2017 Veilsdorf
» 64 Bilder ansehen

Autor
Stefan Sachs

Stefan Sachs

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
18. 06. 2017
20:06 Uhr