Boulevard

Die Erfolgsgeschichte einer Insel mit zwei Bergen

Ein Junge freundet sich mit einem Lokomotivführer auf einer Insel an. Die hat zwei Berge, klar. Denn die berühmte Abenteuergeschichte um Jim Knopf und die Insel Lummerland kennt jeder. Nun wird sie 60 Jahre alt. Und wird auch kritisch gesehen.



Jim Knopf
Eine alte (vorn) und eine neue Ausgabe des Kinderbuchs «Jim Knopf und die wilde 13» von Michael Ende.   Foto: picture alliance / dpa

Lummerland, Frau Waas, Besserwisser Ärmel: Die Geschichte fängt auf einer Insel mit zwei Bergen an, einem Päckchen und einem Baby darin, und sie endet in einem Abenteuer.

In diesem Jahr wird das Kinderbuch «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» 60 Jahre alt. Bekannt ist es wie eh und je: Die Geschichte um den kleinen Jungen und den Lokfahrer begleitet noch heute viele Heranwachsende und begeistert auch Jahre später Erwachsene.

Dabei war es zu Beginn nicht klar, ob das Werk überhaupt jemals erscheinen würde. Der Autor Michael Ende (1929-1995), ein Künstlersohn aus München, schrieb das Buch und hatte damals nicht mehr viel Geld, wie sich sein Literaturagent und Freund Roman Hocke erinnert. Sein erstes Buch um Jim Knopf musste sofort erfolgreich werden. Doch die Verlage, denen Ende das mehr als 500 Seiten starke Manuskript anbot, waren skeptisch: Diese Länge in einem Kinderbuch? Für viele sei das undenkbar gewesen. «Die Art des Erzählens und diese fantastischen Welten gab es damals nicht » , sagt Hocke.

Ein Dutzend Verlage lehnten das Manuskript ab. Doch Lotte Weitbrecht vom Thienemann-Verlag in Stuttgart erkannte das Potenzial der Geschichte mit dem Scheinriesen Tur Tur und dem Halbdrachen Nepomuk. Die Bedingung war aber, dass Ende das bereits Geschriebene in zwei Teile aufspalten soll. Am 9. August 1960 erschien der erste Band. Zwei Jahre später folgte der zweite: «Jim Knopf und die Wilde 13»

Ende habe sich viel von seinem malenden Künstler-Vater abgeschaut, erzählt Hocke. «Für den Vater war es ein Qualitätszeichen, dass sich Bilder nicht erklärten. Als Kind sollte Ende den Bildern Titel geben», sagt Hocke. Daher sei die Interpretation des Buches vielleicht nicht immer ganz so einfach, scherzt er. Als Ende damals mit dem Schreiben angefangen hatte, wusste er nach eigenen Angaben nicht, wie der zweite Satz heißen und worauf das Ganze hinauslaufen wird.

Aber das hat der Geschichte nicht geschadet, denn sie wird nach dem Erscheinen gefeiert - Ende wird zum gefragten Autor. Das erste Jim-Knopf-Buch erhält 1961 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Später wird es von der Augsburger Puppenkiste verfilmt und von einem großen Publikum im Fernsehen gesehen. Mittlerweile haben die beiden Bände eine Auflage von 5,5 Millionen Exemplaren und sind in 33 Sprachen übersetzt worden - darunter Arabisch, Estnisch und Hebräisch.

Auch in dem Buch werden viele verschiedene Ethnien thematisiert. Die damals als «Indianerjunge» und «Eskimokind» bezeichneten Personen stoßen heute teils auf Kritik: Eine Kita-Leiterin aus Hamburg kritisierte in einem Interview mit der «Zeit», wie die Geschichte um den dunkelhäutigen Jim Knopf in vielen Kitas noch unkritisch gelesen werde. Sie sagte, dass die Geschichte viele Klischees reproduziere zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. «Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.»

Vor allem die Passage, in der Jim als «Neger» bezeichnet wird, ist umstritten. Der Verlag will das heute für schwarze Menschen als rassistisch geltende Wort vorerst erhalten. «Grundsätzlich hat der Autor die Hoheit über seinen Text; das bringt der urheberrechtliche Schutz mit sich. Kein Verlag kann und wird ohne Rücksprache und Zustimmung des Autors oder seiner Erben in einen Text eingreifen», sagt die Verlegerin Bärbel Dorweiler.

Für den Verlag sei auch die Gesamtaussage des Kinderbuchs entscheidend: Mit der Befreiung einer «bunten Gruppe von Kindern unterschiedlichster Herkunft aus der Herrschaft des bösen Drachen» werde eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Rassenideologie aufgezeigt. Außerdem komme das Wort nur in einer Szene vor, findet Hocke. «Man muss sich doch fragen, warum er das Wort bei einem schwarzen Kind nur einmal auf siebenhundert Seiten benutzt. Ich denke, Ende hat ein Gespür gehabt, dass man das Wort nicht zu oft benutzen sollte», sagt Roman Hocke, der Ende seit 1969 kennt.

Hocke deutet Jim als typisches Kind mit Unklarheiten, Fragen und Abenteuerlust - unabhängig davon ob es schwarz ist. Liest man das Werk Endes noch in 60 Jahren? «Ich weiß es nicht, ob man ihn in 60 Jahren noch liest. Das wird unsere Gesellschaft entscheiden, aber ich finde, das Buch ist ein Plädoyer fürs Miteinander.» Zumindest entsteht in einem Augsburger Neubaugebiet demnächst ein Puppenkisten-Viertel - auch Jim Knopfs Name wird dort eine Straße zieren. Im Oktober erscheint zudem mit «Jim Knopf und die Wilde 13» der nächste Kinofilm.

© dpa-infocom, dpa:200803-99-20691/3

Veröffentlicht am:
03. 08. 2020
11:02 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bücher Erwachsene Ethnien Jugendliteraturpreise Kinder und Jugendliche Kinderbücher Lokführer Michael Ende Säuglinge und Kleinkinder Verlagshäuser Verleger
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Jonathan Landgrebe

30.06.2020

Suhrkamp-Verleger: Autoren sind Seismographen

Der Suhrkamp Verlag ist eine Stück jüngerer deutscher Geschichte. Verleger Jonathan Landgrebe sieht sein Haus auch heute noch als intellektuelle Institution. » mehr

Gudrun Pausewang

24.01.2020

«Wolke»-Autorin Pausewang mit 91 Jahren gestorben

Ihr größer Erfolg war «Die Wolke». Aber auch in anderen Werken zeigte sich die Wahl-Hessin als engagierte Autorin, die fest daran glaubte, dass Literatur die Leser verändern kann. » mehr

Hans-Joachim Gelberg

18.05.2020

Kinderbuchverleger Hans-Joachim Gelberg gestorben

Als Verlagsleiter förderte er unter anderem Autoren wie Peter Härtling und Christine Nöstlinger und Janosch. Er wurde zu einem der wichtigsten Kinder- und Jugendbuchverleger der Nachkriegszeit. » mehr

Buchmesse Frankfurt

19.05.2020

Bangen um die Frankfurter Buchmesse

Was wird aus der Frankfurter Buchmesse? Noch im Mai soll die Entscheidung fallen. Die Veranstalter stehen von allen Seiten unter Druck. » mehr

Erhard Dietl

23.08.2020

Erhard Dietls Olchis werden 30

Seit 30 Jahren bringen die grünen Olchis Kinder zum Lesen. Erfinder Erhard Dietl blickt auf ihre Erfolgsgeschichte zurück und ist sicher: Die Botschaft der Familie von der Müllkippe ist auch heute aktuell. » mehr

Gerhard Steidl

21.09.2020

Komplette Werkausgabe von Günter Grass erscheint

Limitiert auf 1000 Exemplare, eine bibliophile Gestaltung der Extraklasse und literaturwissenschaftlich bedeutsam: Der Steidl Verlag bringt erstmals eine vollständige Günter-Grass-Werkausgabe in 24 Bänden heraus. Der Nob... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall ICE Schafe Schalkau Tunnel Müß

ICE rammt Schafherde | 23.09.2020 Schalkau Tunnel Müß
» 14 Bilder ansehen

2020-09-22

Feuerwehr-Übung Ilmenau | 22.09.2020
» 17 Bilder ansehen

Großbrand Themar Themar

Großbrand Themar | 22.09.2020 Themar
» 57 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 08. 2020
11:02 Uhr