Brennpunkte

Neue Spur in jedem Chat: Die Arbeit der Missbrauchsermittler

Als Polizisten 2019 zu einer Durchsuchung in Bergisch Gladbach anrücken, ahnen sie nicht, welche neue Dimension ihre Ermittlungen annehmen werden. Heute schauen sie in einen Abgrund. Ein Treffen mit den Menschen, die einen gewaltigen Missbrauchskomplex aufklären.



Oberstaatsanwalt Markus Hartmann
Markus Hartmann, Leiter der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime NRW, erklärt die Dynamiken im Missbrauchs-Netzwerk Bergisch Gladbach.   Foto: Oliver Berg/dpa

Manchmal hilft ein Vergleich. Vor allem, wenn es um Dinge geht, die nicht bis ins Letzte in Worte zu fassen sind. «Man kann sich das wie ein Puzzle mit vielen Tausend Teilen vorstellen», sagt Kriminaldirektor Michael Esser über seine Arbeit.

Den Rand, die ersten Teile, die habe man immer recht schnell beisammen. «Aber wenn man zur Mitte will, wird es immer schwieriger», sagt Esser, der im Kölner Polizeipräsidium sitzt und mit seinen Leuten einen Fall aufklären soll, bei dem sich unter jedem gefundenen Teilchen ein neuer Abgrund auftun kann. Und bei dem noch gar kein Ende absehbar ist. «Wir werden auch erleben», sagt der Polizist, «dass wir einige Steine gar nicht finden werden.» Es geht um den Fall Bergisch Gladbach.

Die Stadt, nur wenige Kilometer von Köln entfernt, ist ungewollt zur Chiffre geworden. Für ein Geflecht von Männern, die Kinder missbrauchen und sich darüber über das Internet austauschen. Der Missbrauchskomplex bekam den Namen Bergisch Gladbach, weil von dort ein Verdächtiger stammt, der in gewisser Weise am Anfang stand. Am Montag (10. August) soll der Prozess gegen den 43-Jährigen in Köln beginnen. Das rückt die Arbeit der Polizei aufs Neue in den Vordergrund. Sie hat mittlerweile viele Erkenntnisse gesammelt.

Den Anfang markierte eine Durchsuchung im Oktober 2019 bei dem Familienvater. Ermittler waren im Zuge eines anderen Verfahrens wegen Kinderpornografie auf ihn gestoßen. Als sie die Räume absuchen, finden sie Tausende Bilder und Videos, riesige Datenmengen. Und vor allem: digitale Spuren zu Chatpartnern. Davon ausgehend kommen sie nach und nach immer mehr Verdächtigen auf die Spur. Wie sich herausstellt, hatten sie nur das erste Puzzleteil in der Hand.

Heute sprechen die Ermittler von einer neuen Dimension. Längst haben sich die Ermittlungen auf ganz Deutschland ausgeweitet. Fast 50 Kinder wurden identifiziert und aus den Fängen der Täter befreit. «Kindesmissbrauch hat es auch schon vorher gegeben», sagt Esser, der die Ermittlungsgruppe «Berg» leitet. Das Besondere sei das brutale Vorgehen, das man festgestellt habe. «Wenn man in die Chats schaut und liest, was dort geschrieben wird, hat man früher vielleicht gedacht: Da trägt einer dick auf. Aber wir stellen fest: Was gesagt wurde, ist auch tatsächlich eingetreten.» Etwa der Austausch von Kindern zum Missbrauch. Einen besonderen «Täter-Typus» könne er dabei bislang nicht beschreiben. «Das ist ein Querschnitt der Gesellschaft.»

Für die Polizei hat der Fall mehrere Herausforderungen. Die eine ist psychischer Natur: Das Material muss angeschaut werden. Die sogenannten Auswerter sitzen in Köln in einem großen Raum zusammen, «damit sie gegenseitig auf sich aufpassen können». Auch Psychologen und Seelsorger stehen ihnen zur Seite. «Diese Fotos, Videos und vor allem die Aussagen in Chats machen die Seele krank, wenn man sie nicht be- und verarbeitet», sagt Esser.

Die andere Herausforderung ist die Enttarnung der Täter, die sich in einer Parallelwelt im Internet bewegen und hinter Pseudonymen verbergen. Mit jeder Durchsuchung kommen neue hinzu. «Wir reden von 30.000 unbekannten Tatverdächtigen», erläutert Markus Hartmann, Leiter der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime NRW (ZAC NRW). Die Zahl klingt so unglaublich wie erschreckend hoch. Eine ganze mittelgroße Stadt voller möglicher Täter? An der ZAC ist eine Taskforce damit beschäftigt, den Pseudonymen echte Namen zuzuordnen.

Natürlich gebe es dabei Unschärfen, sagt Oberstaatsanwalt Hartmann - nicht hinter jeder der 30.000 «digitalen Identitäten» stehe auch exakt ein Tatverdächtiger. Vielleicht hat einer mehrere Identitäten, vielleicht gibt es in einem Forum Karteileichen. «Aber im Regelfall legen es die Täter in diesen Foren auf eine gewisse Reputation an», sagt Hartmann. «Wer eine bestimmte Art Material anbietet, bekommt selbst mehr Zugriff auf andere Bereiche.» Man gehe davon aus, «eher einen geringen» Abschlag machen zu müssen. «Das ist keine Mini-Szene», sagt Hartmann. «Das ist eine deutschlandweite und europavernetzte Szene.»

Innerhalb dieser Szene finden die Täter einen Resonanzraum, in denen ihre Taten ganz selbstverständlich besprochen werden. Hartmann nennt es eine «Wechselwirkung von Tatgeschehen und Kommunikation». «Soll heißen: Wenn Leute eine Neigung zum Kindesmissbrauch haben, aber sich nicht auskennen, wie sie es in die Tat umsetzen sollen - dann finden sie im Internet Gesprächsgruppen, in denen sie das lernen.»

Dass am Ende 30.000 Anklagen erhoben werden, gilt wegen der technischen und rechtlichen Gegebenheiten als utopisch. Dennoch sei die ganze Arbeit ungemein wichtig, sagt Hartmann. «Weil es erstmals gelingt, bei Leuten, die sich offensichtlich über Jahre hinweg sicher gefühlt haben, ein Preisschild an die Tätigkeit zu machen.»

© dpa-infocom, dpa:200804-99-32118/3

Veröffentlicht am:
04. 08. 2020
08:41 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Chat Ermittlerinnen und Ermittler Ermittlungen Internet Internetkriminalität Kinderpornographie Kindesmissbrauch Polizei Polizistinnen und Polizisten Verbrecher und Kriminelle Verdächtige
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Missbrauchsfall Bergisch Gladbach

01.09.2020

Kindesmissbrauch: Wohnungen im ganzen Land durchsucht

Spektakulärer Schlag gegen Kinderpornografie und Missbrauch: Die Polizei durchsucht in ganz Deutschland Wohnungen von 50 Tatverdächtigen. Sie alle tauchten in den Ermittlungen rund um den Missbrauchskomplex Bergisch Glad... » mehr

Fußfessel

11.09.2020

Unionsfraktion will weitere Schritte gegen Kindesmissbrauch

Mit sexueller Gewalt fügen Täter Kindern unermessliches Leid zu. Die Union im Bundestag will mehr Ermittlungsmöglichkeiten und noch mehr Aufklärung. » mehr

Missbrauchsfall in Würzburg

09.04.2020

44 Verdächtige nach Missbrauchsskandal in Würzburg ermittelt

Ein Logopäde aus Würzburg steht wegen Missbrauchs von Kindern in 66 Fällen vor Gericht. Die Polizei hat jetzt weitere Verdächtige ausfindig gemacht - die etwa kinderpornografische Inhalte bezogen haben sollen. » mehr

Der Angeklagte im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

25.08.2020

39-Jähriger im Fall Bergisch Gladbach steht vor Gericht

Der gigantische Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach sorgt für Entsetzen. Im Herbst 2019 entdeckten Ermittler bei einem Familienvater kinderpornografisches Material - und Kontakte zu anderen Männern. Nun steht in Wiesbad... » mehr

Messerangriff in Stolberg

13.09.2020

Messer-Attacke in Stolberg: Verdächtiger gefasst

Ein Mann reißt die Tür eines Autofahrers auf, sticht auf ihn ein. Der Verdächtige soll den Behörden bereits als islamistischer Prüffall bekannt gewesen sein. Wenige Stunden nach der Tat wird er gefasst. » mehr

Logopäde in Würzburg

04.03.2020

Nach Missbrauchsskandal mehr als 40 Verdächtige ermittelt

Es sind schreckliche Taten und den Ermittlern wird zunehmend das Ausmaß der Taten bewusst: Ein Logopäde aus Würzburg soll sich in 66 Fällen massiv an Kindern vergangen haben. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall ICE Schafe Schalkau Tunnel Müß

ICE rammt Schafherde | 23.09.2020 Schalkau Tunnel Müß
» 14 Bilder ansehen

2020-09-22

Feuerwehr-Übung Ilmenau | 22.09.2020
» 17 Bilder ansehen

Großbrand Themar Themar

Großbrand Themar | 22.09.2020 Themar
» 57 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
04. 08. 2020
08:41 Uhr