Hintergründe

Merkels Abrechnung mit Trump

In Deutschland wird diskutiert, wie lange Angela Merkel noch Kanzlerin bleiben soll. An der Universität Harvard wird Merkel bei ihrem Auftritt wie ein Popstar gefeiert. In ihrer Rede erwähnt sie US-Präsident Trump kein einziges Mal - und rechnet doch mit ihm ab.



Bundeskanzlerin Merkel
Angela Merkel während der Verleihung der Ehrendoktorwürde.   Foto: Steve Senne/AP

Immer wieder wird Angela Merkels Rede in Harvard von Applaus unterbrochen, sie ist der Stargast bei der Abschlussfeier an der US-Eliteuniversität in Cambridge.

Rund 20.000 Absolventen und Angehörige, Professoren und Ehemalige feiern die unprätentiös auftretende Kanzlerin am Donnerstag wie einen Popstar. Geschlagene 31 Mal brandet bei Merkels 35-minütiger Ansprache Beifall auf, mehrfach erhebt sich das Publikum, um Merkel stehend Respekt zu zollen. Besonders viel Beifall gibt es an jenen Stellen, in denen Merkel mit US-Präsident Donald Trump abrechnet.

Merkel gelingt dabei das Kunststück, den Namen des US-Präsidenten kein einziges Mal zu erwähnen. Trump ist am Donnerstag der sprichwörtliche Elefant im Raum. Jeder weiß, auf wen Merkel anspielt, wenn sie sagt: «Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln. Global statt national.» Der bekennende Nationalist Trump scheint dagegen mit seiner «America First»-Politik seit zweieinhalb Jahren daran zu arbeiten, die Nachkriegsordnung auf den Kopf und jahrzehntealte Bündnisse in Frage zu stellen.

«Protektionismus und Handelskonflikte gefährden den freien Welthandel und die Grundlagen unseres Wohlstandes», sagt Merkel - Trump hat zahlreiche Handelskonflikte vom Zaun gebrochen und droht mit Strafzöllen auf Autos aus der EU. Merkel fordert auch, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen, und räumt dabei eigene Versäumnisse ein. Trump hat die USA - einen der größten Verursacher von Treibhausgasen weltweit - aus dem internationalen Pariser Klimaschutzabkommen zurückgezogen.

Merkel sagt, Klimawandel sei vom Menschen verursacht. Trump zweifelt das an (auch wenn er Klimawandel - anders als früher - nicht mehr für einen «Scherz« hält). Mit Beifall und zustimmendem Gelächter wird Merkels Aussage quittiert, dass schwierige Fragen gelöst werden könnten, «wenn wir bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen». Kaum ein Politiker ist impulsiver als Trump, der seinen Emotionen ungefiltert auf Twitter freien Lauf lässt.

Merkel fordert, Mauern einzureißen. Trump will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen. Die Kanzlerin wirbt für «Wahrhaftigkeit gegenüber anderen und gegenüber uns selbst», und sie sagt: «Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen.» Kaum etwas ist deutlicher auf Trump gemünzt, der Berichterstattung kritischer Medien «Fake News» nennt und dessen Beraterin Kellyanne Conway den abstrusen Begriff «alternative Fakten» geprägt hat. An dieser Stelle bekommt Merkel besonders großen Applaus, Jubel bricht aus.

Bei allem Beifall: Harvard ist eine liberale Hochburg in den USA, repräsentativ für die Meinung im Land ist die Hochschule keineswegs. Die Begeisterung für Merkel ist auch darauf zurückzuführen, dass ihre Politik einen Gegenpol zu der Trumps darstellt. Dennoch ist bemerkenswert, wie ungemein positiv die Kanzlerin in Harvard aufgenommen wird - während sich in Deutschland auch etliche in ihrer eigenen Partei wünschen, dass sie lieber heute als morgen das Kanzleramt räumt.

Einen ganzen Tag nimmt sich Merkel Zeit, um an den Feierlichkeiten in Harvard teilzunehmen. Um 8.45 Uhr ziehen die Absolventen in das parkähnliche Areal zwischen der Gedächtniskirche und der Uni-Bibliothek ein, begleitet von Dudelsack- und Blasmusik sowie Trommelwirbeln. Die Absolventen tragen rote oder schwarze Talare, auf den Köpfen die berühmten schwarzen Doktorhüte. Einige umarmen sich, manche winken Eltern zu, begeistert sind sie alle - wer Harvard absolviert hat, hat beste Chancen im Berufsleben.

Merkel folgt mit anderen Ehrengästen um 9.05 Uhr, gekleidet in einen rot-schwarzen Talar schreitet die Kanzlerin durch ein Spalier, das die Absolventen gebildet haben, zur Bühne. Die Glocke der Gedächtniskirche wird zu Beginn der Feierlichkeiten von Hand geschlagen. Es folgen Reden, bevor den Absolventen ihr akademischer Titel verliehen wird. Dann steht die feierliche Verleihung der Ehrendoktorwürden an - eine davon erhält Merkel.

Die offizielle «Harvard Gazette» nennt zur Begründung unter anderem die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin - just jenes Thema, das ihr zu Hause Kritik eingebracht hat wie kein anderes. «Mit ihrem Slogan "Wir schaffen das" wurden Merkels vier Amtszeiten geprägt von geschickter Entschlossenheit und Pragmatismus», schreibt das Blatt in seiner Sonderausgabe zur Abschlussfeier über die «Kanzlerin der freien Welt». Die Aufnahme von Flüchtlingen und der Umgang mit der Finanzkrise hätten Merkels Bereitschaft dazu gezeigt, «das zu tun, was sie für richtig hält» - auch wenn das unpopulär sei.

Merkel ist mit ihrer Flüchtlingspolitik auch zur Zielscheibe von Trump geworden, der sie - noch vor seinem Wahlsieg 2016 - als die Person bezeichnete, «die Deutschland ruiniert». Merkel und Trump sind nie miteinander warm geworden.

Trump hat bei Merkels Kurzbesuch in den USA denn auch keine Zeit für die Kanzlerin. Während Merkel in Harvard ist, spricht Trump ebenfalls zu Absolventen - rund 2850 Kilometer entfernt an der US Air Force Academy in Colorado. Es ist eine sehr amerikanische Rede, es geht um Stolz und Patriotismus und militärische Stärke. Trump sagt dort Sätze wie: «Ihr macht Amerika stolz.»

Merkel wählt bei ihrer Rede am Nachmittag leisere Worte - und kommt damit in Harvard an. Während sich junge Wähler in Deutschland bei der Europawahl massenhaft von der CDU abgewandt haben, wirken manche Harvard-Absolventen wie regelrechte Merkel-Fans. Er sei «begeistert» darüber, dass Merkel bei seiner Abschlussfeier spreche, sagt der 26-jährige Ethan Hughes, der gerade seinen Master-Abschluss gemacht hat. «Viele Amerikaner blicken auf sie, wegen des Mangels an politischer Führung hier.»

Die deutsche Harvard-Absolventin Marcella Vutto (38) aus Düsseldorf sagt: «Frau Merkel hat international einen ausgezeichneten Ruf. Innenpolitisch wird das gar nicht so wahrgenommen.» Und ihre Kommilitonin Sonja Krein (28) aus Köln sagt: «Ich glaube, Merkel hat ein sehr gutes Image - gerade in Zeiten von Trump.»

Merkel macht in Harvard wieder deutlich, dass ihre Zeit als Kanzlerin zu Ende geht - auch wenn sie kurz vor ihrer Reise noch einmal betont hatte, dass sie bis 2021 zur Verfügung steht. «Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangs zu spüren und Chancen wirklich zu nutzen», sagt sie den Absolventen. «Und wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt. Es ist völlig offen. Nur eines ist klar: Es wird wieder etwas Anderes und Neues sein.»

Veröffentlicht am:
31. 05. 2019
09:04 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
31. 05. 2019
09:04 Uhr