Wirtschaft

Analyse: Ein Viertel der Lebensversicherer hat Probleme

Die deutschen Lebensversicherer verfügen nach Angaben des Bundes der Versicherten über 100 Milliarden Euro ihrer Kunden. Das Geld sei dort aber nicht immer in guten Händen, kritisiert der Verbraucherverein. Besondere Transparenz soll künftig mit einem Siegel belohnt werden.



Lebensversicherung
Der Bund der Versicherten hält es derzeit für keine gute Idee, als Kapitalanlage oder zum Sparen eine Lebensversicherung abzuschließen.   Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn/dpa

Die deutschen Lebensversicherungen sind nach einer Analyse des Bundes der Versicherten zum Teil in einer schwierigen Lage.

«Mehr als ein Viertel der untersuchten Unternehmen hat ernste Probleme», sagte der Vorstandssprecher des Vereins, Axel Kleinlein. 22 von 84 untersuchten Versicherern hätten entweder eine zu geringe Zahlungsfähigkeit oder eine negative Gewinnerwartung. Die Auswertung basiert auf den von der EU vorgeschriebenen Berichten, in denen die Versicherer ihre Finanzlage offenlegen müssen.

Im Moment stünden die Anbieter in einer dreifachen Stresssituation: Die Zinsen seien niedrig, es gebe Unsicherheit bei den Unternehmensanleihen, und die Corona-Krise mache sich bemerkbar. «Die Tektonik der Lebensversicherer ist in Gefahr», meinte Kleinlein. Die Versicherer sollten ihr Eigenkapital stärken und ihre Anlagen diversifizieren.

Dabei dürften sie aber nicht in die Taschen der Versicherten greifen, betonte Kleinlein. In den Reserven der Versicherer schlummerten 100 Milliarden Euro an Kundengeldern. Jetzt müssten die Unternehmen und Aktionäre für eine Kapitalerhöhung sorgen. Die Probleme der Versicherer lägen vor allem in den zu hohen Garantiezinsen aus den 90er Jahren - wobei nach Ansicht von Kleinlein nicht die Höhe das eigentliche Problem darstellt, sondern die langfristige Kalkulation.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft erklärte, die Solvenzquote - also das Verhältnis von vorhandenen zu erforderlichen Eigenmitteln - sei in der Lebensversicherung weiter auskömmlich. Ende 2019 habe die Quote weit über dem vorgeschriebenen Niveau gelegen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie ließen sich derzeit noch nicht abschätzen, auch weil die Effekte zum Teil gegenläufig seien.

Verbandssprecher Christian Ponzel räumte ein, dass die Solvenzberichte für Nicht-Experten schwer verständlich seien. Der Verband plädiere dafür, zwei Arten von Berichten vorzulegen: einen für die Fachöffentlichkeit, einen für die Verbraucher. In diesem Punkt sieht der Bund der Versicherten bereits Fortschritte. Der Verein will die Transparenz künftig mit einem Siegel würdigen.

Das in Kooperation mit der Beratungsgesellschaft Zielke Research Consult erstellte Prädikat in Gold, Silber und Bronze solle Kunden eine erste Orientierungshilfe bei der Auswahl eines Versicherers geben. «Die Unternehmen, die besonders transparent sind, sind auch tendenziell diejenigen, die am ehesten bereit sind, sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen», erklärte Kleinlein.

Kunden sollten zuerst allerdings prüfen, ob sie überhaupt eine derartige Versicherung bräuchten. Der Bund der Versicherten rät von solchen Verträgen ab. Es sei derzeit keine gute Idee, als Kapitalanlage oder zum Sparen eine Lebensversicherung abzuschließen.

Der 1982 gegründete Verein hat nach eigenen Angaben rund 45.000 Mitglieder und versteht sich als unabhängige Lobby der Versicherten.

© dpa-infocom, dpa:200708-99-718857/2

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Veröffentlicht am:
08. 07. 2020
17:38 Uhr

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08. 07. 2020
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