Wirtschaft

Motorenentwickler im Audi-Prozess: «Haben uns betrogen»

Nach der Staatsanwaltschaft und den Verteidigern kommen im Audi-Prozess in den nächsten Wochen die Angeklagten zu Wort. Der Ingenieur Giovanni P. verwies bei der Schuldfrage in der Hierarchie nach oben.



Audi-Prozess
Nach der Staatsanwaltschaft und den Verteidigern kommen im Audi-Prozess in den nächsten Wochen die Angeklagten zu Wort.   Foto: Stefan Puchner/dpa

Am dritten Tag des Münchner Audi-Prozesses hat der Motorenentwickler Giovanni P. die Abgas-Tricksereien mit dem immensen Druck des Konzerns erklärt.

Die Entwicklungszeit sei viel zu kurz gewesen, Kompromisse seien abgelehnt, seine Abteilung mit Vorwürfen bombardiert worden. Dem Vertrieb sei der Platz für ein Sound-System im Auto wichtiger gewesen als ein ausreichend großer Tank für die Abgasreinigung. «Diese Leute haben uns betrogen. Sie haben uns nicht genug Zeit gegeben», sagte der Angeklagte.

Ausweichend antwortete er auf die Frage des Vorsitzenden Richters Stefan Weickert, ob er selbst gewusst oder geahnt habe, dass die Deckelung der Abgasreinigung illegal gewesen sei. «Ich war nicht zufrieden», sagte P. Zweifel an der Legalität habe er nicht gehabt - aber als Techniker habe er das auch nur aus technischer Sicht betrachten müssen.

Im ersten deutschen Strafprozess um den Dieselskandal stehen seit einer Woche der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler, der frühere Porsche-Technikvorstand Wolfgang Hatz und die Motorenentwickler Giovanni P. und Henning L. vor Gericht. Die Anklage wirft ihnen Betrug vor. Über einen Antrag von Stadlers Verteidigern, den Prozess gegen ihren Mandanten abzutrennen, will das Gericht erst nächsten Dienstag entscheiden. Die Staatsanwaltschaft forderte, den Antrag abzuweisen.

In den nächsten Wochen will die Wirtschaftsstrafkammer die Angeklagten nacheinander ausführlich anhören. Als erster Angeklagter im Prozess sagte P. aus. Er war leitender Motorenentwickler bei Fiat, wo er Hatz kennenlernte, und folgte ihm kurz nach dessen Wechsel nach Ingolstadt 2002 zu Audi nach Neckarsulm. Weil Daimler und BMW um 2005 beim Diesel in den USA weiter gewesen seien, sei entschieden worden, dass die VW-Tochter Audi im November 2008 mit der Produktion neuer Dieselmotoren für die großen Autos in den USA starte. Nach Fahrtests habe seine Abteilung dann größere Adblue-Harnstoff-Tanks oder ein Jahr mehr Zeit gefordert, aber vergebens: «Kein Platz, zu teuer, es war immer die gleiche Geschichte», sagte P. Beschleunigung, Verbrauch und Kosten seien wichtiger gewesen als Abgaswerte.

Das Problem sei durch Präsentationen und alarmierende «Blaue Meldungen» auch dem damaligen Audi-Technikvorstand bekannt gewesen. «Im Vergleich zum Wettbewerb hatten wir die kleinsten Tanks zur Verfügung», sagte der Audi-Ingenieur. «Wir wollten nicht bescheißen. Aber wir brauchten mehr Harnstoff.» Mit diesem Stoff kann der Ausstoß von Stickstoffdioxid reduziert werden.

Nach Entscheidungen bei VW habe der damalige Audi-Dieselmotorenchef B. seine Abteilung im April 2008 angewiesen, den Harnstoff-Verbrauch zu deckeln. Dass Kunden nicht durch Warnlampen über zur Neige gehenden Harnstoff behelligt werden sollten, habe das Problem noch verschärft. «Wir waren unter Druck ohne Ende» sagte P. Als er von seinen Mitarbeitern «intelligente Lösungen» gefordert habe, habe er den Druck von oben und die Konzernstrategie weitergegeben.

Laut Anklage wurden die Stickoxid-Werte dann durch Software-Tricks geschönt. P. verwies auf Warnungen anderer Abteilungen vor einem «Defeat Device» und betonte, alle hätten Bescheid gewusst.

© dpa-infocom, dpa:201007-99-861157/3

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Veröffentlicht am:
07. 10. 2020
17:05 Uhr

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