Wirtschaft

Neustart: VW-Zentrale produziert im Anlaufmodus

Eineinhalb Monate lang legte das Coronavirus die größte Fabrik der Welt lahm. Jetzt geht es am VW-Stammsitz in Wolfsburg mit dem Golf wieder los. Für die Beschäftigten ist jedoch vieles anders als zuvor.



Produktion
Mitarbeiter arbeiten im Hauptwerk in Wolfsburg im Oktober 2019 an einem Golf 8.   Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Kaum am Tor 17 angekommen, muss der Ministerpräsident gleich einen Selbstversuch in Corona-Zeiten unternehmen. «Das hier ist ein Grundkurs, wie man mit Masken Kaffee trinkt», sagt Stephan Weil.

Es ist Frühschicht in Wolfsburg, Montagmorgen, 7.00 Uhr. Mit Betriebsratschef Bernd Osterloh und Personalvorstand Gunnar Kilian lässt sich Niedersachsens Regierungschef - nebenbei Mitglied des Volkswagen-Aufsichtsrats - ein Heißgetränk einschenken. Am Südrand der größten Fabrik der Welt preist der Bäcker an seinem mobilen Stand das Frühstücksangebot an. Auch ein zuckriger Amerikaner mit Marzipan-Maske ist zu haben.

In vorsichtigen Schritten nimmt VW zum Wochenstart die Fertigung am Hauptsitz wieder auf - nach fast eineinhalb Monaten Lockdown wegen der Viruskrise. Zwickau, Bratislava, so gut wie alle chinesischen Werke sind zurück am Netz. Heute sollen auch Emden und Hannover noch hinzukommen. «Wir haben alles umgestellt, was wichtig ist, um die Sicherheit unserer Mitarbeiter zu gewährleisten», betont Konzernchef Herbert Diess. «Wir fahren jetzt ganz langsam hoch.» Wie in Zwickau ist die Kapazität in Wolfsburg aber noch begrenzt: in dieser Woche bei höchstens 15, bis Ende kommender Woche bei rund 40 Prozent. Etwa 8000 Mitarbeiter sind zurückgekehrt - normalerweise arbeiten hier bis zu 70 000. Auch 2600 Lieferanten nahmen die Fertigung wieder auf.

In Halle 54 herrscht bereits geschäftiges Treiben - wenngleich die Atmosphäre noch ein wenig wie Warmlaufen anmutet. Der Golf macht den Anfang, er wird seit Montag an den Montagelinien 1 und 3 produziert. Am Mittwoch folgen dann unter anderem Tiguan und Touran. «Alle sind froh, wieder zurück zu können», sagt Markenchef Ralf Brandstätter.

Um Infektionen mit dem Coronavirus zu verhindern, setzt VW auf Entzerrung: Das Band läuft vorerst auf halber Geschwindigkeit, sodass weniger Mitarbeiter auf engem Raum sein müssen. Die gemeinsame 10-Uhr-Pause entfällt, erklärt Werkleiter Stefan Loth. Stattdessen gehen die Beschäftigten getrennt in die Pausen. Aus den Teamräumen wurden die Spinde vor die Tür gekarrt, sodass sie trotz beschränkter Mitarbeiterzahl in den Räumen für alle erreichbar sind. Außerdem sind alle aufgefordert, vor dem Arbeitstag zu Hause Fieber zu messen.

Wer in diesen Tagen bereits am Band steht, findet ein komplett umgekrempeltes Arbeitsumfeld vor. Da ist zum einen der verpflichtende Mund-Nasen-Schutz an Stationen, an denen der Mindestabstand von 1,50 Metern nicht einzuhalten ist. Überall sind Markierungen auf dem Boden, Laufwege wurden umgelenkt, an den Wänden hängen Plakate mit Hygienehinweisen. An Punkten mit unvermeidbarem näheren Kontakt setzt der Konzern auf Spuckschutz: Tische werden in der Mitte mit Plexiglas geteilt, einzelne Arbeitsplätze am Band mit dicken Folien abgetrennt, an den Motorräumen kann von links und rechts gearbeitet werden, eine Trennwand steht in der Mitte. Manchmal tut es aber auch eine einfache Frischhaltefolie, in die Tastaturen und Mäuse eingewickelt werden.

Für die Kollegen sei die Arbeit jetzt «mindestens so sicher wie zu Hause oder in der Öffentlichkeit», sagt Diess. Für Weil hat er einen praktischen Tipp parat: Wenn die Brille bei aufgesetzter Schutzmaske zu schnell vom Atem beschlage, solle man sie vorher mit Zahnpasta putzen, damit sie völlig fettfrei wird. Der VW-Chef hat aber auch einen Wunsch an die Politik: eine rasche Entscheidung zu Kaufanreizen für die Kunden, um den Nachfrageeinbruch der Autobranche abzufedern.

Ein Anliegen, mit dem er bei Weil auf offene Ohren trifft. «Uns ist bewusst, dass wir eine schnelle Entscheidung brauchen. Eine zu lange Diskussion dürfte fehl am Platz sein», meint der Ministerpräsident. Dass VW langsam, aber zielstrebig die Produktion aufnimmt, wertet er als «ein wichtiges Signal - auch für Zulieferer, die dringend darauf gewartet haben.» Es gehe dabei nicht nur um Konzerne. «Wir reden über jede Menge mittelständische Unternehmen überall in Deutschland.»

Klar ist: Der Weg zurück in die Normalität wird auch in Wolfsburg eine Weile dauern. «Uns muss bewusst sein: Wir haben Corona noch nicht überwunden», mahnt Personalvorstand Kilian. Es gebe eine Verpflichtung, laufend sicherzustellen, dass die Fallzahlen nicht wieder steigen. Osterloh stimmt die Belegschaft in einem Schreiben auf die anstehenden Herausforderungen ein, die mit den neuen, ungewohnten Schutzmaßnahmen einhergehen: «Das ist ein Brett, aber anders geht es nicht, denn wir wollen alle gesund bleiben.»

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Veröffentlicht am:
27. 04. 2020
12:36 Uhr

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27. 04. 2020
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