Wirtschaft

Noch mehr Arbeitslosigkeit - aber nicht wegen Corona

Dass im Juli mehr Menschen keinen Job haben, ist üblich. Die Corona-Krise hat nun nicht mehr zu einem deutlichen Zuwachs beigetragen. Die Kurzarbeit lag im Mai auf Rekordniveau.



Agentur für Arbeit
Gebäude der Agentur für Arbeit. Die Einschränkungen der Corona-Pandemie treiben die Arbeitslosenzahlen in Deutschland in die Höhe.   Foto: Oliver Berg/dpa

Die Zahl der Arbeitslosen ist in Deutschland erneut gestiegen - doch erstmals seit Monaten nicht in Folge der Corona-Krise, sondern saisonbedingt.

Im Juli waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2,91 Millionen Menschen in Deutschland ohne Job und damit 57.000 mehr als im Juni - ein vergleichbarer Anstieg wie im Vorjahreszeitraum. Damals waren allerdings 635.000 Arbeitslose weniger gemeldet. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich im Juli um 0,1 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent.

Im Juli steigt die Arbeitslosigkeit üblicherweise. Vor den Sommerferien stellen weniger Betriebe neue Mitarbeiter ein und Ausbildungsverhältnisse enden. Die Arbeitsmarktexperten sprechen deshalb vorsichtig von einer Stabilisierung am Arbeitsmarkt. Nach Einschätzung des Bundesarbeitsministeriums hat dieser die Krise im weltweiten Vergleich gut verkraftet. «Nun ist es wichtig, dass auch die Unternehmen die Grundlagen für ein wirtschaftliches Comeback unseres Landes schaffen», teilte Staatssekretär Björn Böhning (SPD) am Donnerstag mit.

Die Anzeigenflut bei der Kurzarbeit habe deutlich nachgelassen, sagte Bundesagentur-Vorstand Daniel Terzenbach bei der Vorstellung der Arbeitsmarktstatistik in Nürnberg. Im Mai hatte diese einen Rekorderwert in der Geschichte der Bundesrepublik erreicht: 6,7 Millionen Menschen waren in Kurzarbeit. Im April hatte die Zahl noch bei 6,1 Millionen, im März bei 2,46 Millionen gelegen. Die Kurzarbeit habe größeren Schaden vom Arbeitsmarkt abgewendet, betonte Terzenbach. In den vergangenen drei Monaten habe diese Millionen Jobs gesichert. Allein im Mai seien es 2,9 Millionen gewesen.

Nach Schätzungen der Bundesagentur könnte die Zahl der Kurzarbeiter im Juni bei 4,5 Millionen liegen. «Der Höhepunkt der Inanspruchnahme dürfte damit überschritten sein», sagte Terzenbach. Auch nach einer Umfrage des Ifo-Instituts geht die Kurzarbeit in Deutschland zurück - allerdings langsam. Danach habe es im Juli in 42 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen Kurzarbeit gegeben, im Juni waren es noch 46 Prozent.

Dazu passt, dass die deutschen Unternehmen im Juli (1.-26.7.) für 190.000 Menschen konjunkturelle Kurzarbeit angezeigt haben und damit für deutlich weniger als noch im März und April, als insgesamt Anzeigen für 10,7 Millionen Menschen eingingen. Im Mai und Juni gab es noch Anzeigen für insgesamt 1,5 Millionen. Die Zahl der Menschen, die tatsächlich in Kurzarbeit ist, liegt erfahrungsgemäß niedriger. Die Unternehmen melden die Kurzarbeit oft vorsorglich an.

Führende Volkswirte sehen den Tiefpunkt der Corona-Krise überwunden und rechnen mit einer Erholung der Wirtschaft, vorausgesetzt die Infektionszahlen bleiben niedrig. Das macht auch der Bundesagentur Hoffnung. Dennoch werde der Arbeitsmarkt noch lange mit den Folgen der Pandemie und den Maßnahmen zur Eindämmung zu kämpfen haben, betonte Terzenbach. «Wer während der Corona-Krise seinen Job verloren hat, hat es deutlich schwerer einen neuen zu finden.»

Seit Beginn der Krise sind nach Berechnungen der Bundesagentur 635.000 Menschen entlassen worden, konnten eine neue Arbeitsstelle nicht antreten oder an einer Weiterbildung teilnehmen. Im Mai habe es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse weniger gegeben, sagte Terzenbach. Davon seien 100.000 verloren gegangen und 400.000 gar nicht erst zustande gekommen.

Das Ausmaß der Krise lässt sich auch am Kurzarbeitergeld ablesen: 11,3 Milliarden Euro hat die Bundesagentur seit Jahresbeginn ausgezahlt. «Diese Größenordnung hat es in der Geschichte der Bundesagentur für Arbeit noch nicht gegeben», sagte Finanzvorständin Christiane Schönefeld. Allein in den vergangenen Wochen seien es täglich durchschnittlich 157 Millionen Euro gewesen - so viel wie im ganzen vergangenen Jahr nicht.

Mit Sorge blicken die Arbeitsmarktexperten auf den Herbst. «Es sieht so aus, als könnte da noch etwas kommen», sagte Terzenbach. Bisher gebe es weniger Insolvenzverfahren als in den Jahren der Finanzkrise. «Momentan sind wir auffällig unauffällig», betonte er. Wegen der Corona-Krise sind Firmen vorübergehend von der Pflicht befreit, einen Insolvenzantrag zu stellen. Diese Regelung endet am 30. September. Dann könnte nach Ansicht von Fachleuten eine Insolvenzwelle drohen.

In der Eurozone hingegen ist die Arbeitslosenquote im Juni höher als erwartet ausgefallen. Sie sei im gemeinsamen Währungsraum um 0,1 Prozentpunkte auf 7,8 Prozent geklettert, teilte das Statistikamt Eurostat in Luxemburg mit. Analysten hatten im Schnitt mit 7,7 Prozent gerechnet. Zudem wurde die Quote für den Mai von 7,4 Prozent auf 7,7 Prozent nach oben revidiert.

Im März hatte die Quote bei 7,1 Prozent noch einen Tiefstand erreicht und ist dann in der Corona-Krise gestiegen. Zuvor hatte es einen kontinuierlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit in der Eurozone gegeben. Seit dem Rekordhoch von mehr als 12 Prozent 2013 hatte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt bis zur Corona-Krise stetig verbessert. Im Euroraum waren laut Eurostat im Juni 12,685 Millionen Menschen arbeitslos. Im Vergleich zum Vormonat stieg die Zahl der Arbeitslosen um 203.000.

© dpa-infocom, dpa:200730-99-977409/11

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30. 07. 2020
15:08 Uhr

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