Feuilleton

Meister des griechischen Sounds

Er hat die griechische Musik weltweit bekannt gemacht: Der Theodorakis-Sound klingt wie ein Ohrwurm. Hat man ihn einmal gehört, vergisst man ihn nie. Heute wird der Komponist, Musiker und Dirigent Mikis Theodorakis 95 Jahre alt.



Mikis Theodorakis Foto: dpa
Mikis Theodorakis Foto: dpa  

Kein anderer konnte bislang so originell die griechische Mentalität musikalisch interpretieren und weltweit bekannt machen. Aber Mikis Theodorakis ist nicht nur Komponist, Musiker und Dirigent. Er war Widerstandskämpfer und auch Politiker. Wenn etwas in Griechenland passiert, dann wollen alle auch seine Meinung hören. Er ist eben der "Mikis" aller Griechen.

Öffentliche Auftritte absolviert er nicht mehr - aber auf seiner Homepage kommentiert Theodorakis das Geschehen immer wieder. Als die Corona-Pandemie ausbrach, kritisierte er scharf die Regierung in Athen, weil sie zunächst vergessen hatte, den arbeitslos gewordenen Musikern mit Zuschüssen unter die Arme zu greifen.

Mit seinem Soundtrack für den Film "Alexis Sorbas" hat Theodorakis die Musik komponiert, die für viele die heimliche griechische Nationalhymne ist. Doch die Jahre sind vergangen. Die legendären Auftritte des fast zwei Meter großen Mannes sieht man nur noch in alten Filmstreifen oder Videos. Theodorakis, der verheiratet ist, Vater einer Tochter und Sohnes und Großvater von vier Enkeln, bleibt die meiste Zeit in seinem Haus unterhalb der Akropolis von Athen und verfolgt von dort die Ereignisse.

Theodorakis wurde am 29. Juli 1925 auf der Insel Chios geboren. Zur Musik kam er durch einen alten Film über Ludwig van Beethoven. "Ich sah den Film zusammen mit meinem Vater. Ich war fasziniert", erzählte er in einem Interview des griechischen Fernsehens. "Ich bat meinen Vater, der beruflich nach Athen fuhr, mir alles zu bringen, was er in der Hauptstadt über Musik finden konnte. So fing es an." Später studierte er Musik am Athener Konservatorium. Während des Krieges schloss er sich dem kommunistisch dominierten Widerstand an. Beim Bürgerkrieg (1947-1949) schlug er sich auf die Seite der Linken. Er wurde in die Verbannung geschickt und gefoltert.

Als Komponist wurde Theodorakis Anfang der Sechzigerjahre weltbekannt - mit der Musik zu "Alexis Sorbas", dem Film von Michael Cacoyannis mit Anthony Quinn in der Titelrolle. Danach ging er wieder in den Widerstand. Diesmal gegen die Obristenjunta in Griechenland (1967-1974). Seine Musik wurde in Griechenland verboten. Die Griechen hörten sie aber weiter zu Hause oder in den ausländischen Radiosendern, die damals die Quelle für unabhängige Nachrichten waren.

Theodorakis wurde schließlich festgenommen. Nach internationalen Protesten konnte er das Land verlassen - und lebte bis 1974 im Pariser Exil. Dort komponierte er "Axion Esti", "Das Lied vom Toten Bruder" und den "Canto General".

Nach der Wiederherstellung der Demokratie 1974 kehrte er in seine Heimat zurück und startete ein politisches Wechselspiel. Theodorakis wurde Abgeordneter für die Kommunisten. Ihm aber passte die moskauhörige Politik der damaligen kommunistischen Partei nicht. Er zog sich zunächst zurück - und schloss sich wenig später den Konservativen an, für die er ins Parlament gewählt wurde. Eine Weile lang war Theodorakis Minister der konservativen Partei. Als diese ihn auch enttäuschte, näherte er sich den Sozialisten an.

Als Alexis Tsipras mit seinem Bündnis der Radikalen Linken die Wahlen in Griechenland 2015 gewann, gab Theodorakis dem jungen Regierungschef seinen Segen: "Ich stehe dir bei", sagte er dem Ministerpräsidenten, als dieser ihn in seinem Haus besuchte. Das Fernsehen war dabei und berichtete vom Treffen der beiden Linken.

Theodorakis zögerte Monate später nicht, Tsipras deutlich zu kritisieren. Als dieser nämlich im Sommer 2015 einem neuen harten Sparprogramm - als Voraussetzung für EU-Mittel zur Rettung Griechenlands vom Bankrott - zustimmte, brach Theodorakis mit ihm. Er gründete aus Protest gegen die harten Sparmaßnahmen eine Bewegung gegen die "Unterwerfung Griechenlands", wie er damals sagte. Seine Partei blieb ohne Widerhall - anders als seine Musik. Ob Geburtstagsfeier oder politische Massenveranstaltung - an seinen Kompositionen kommt kaum jemand vorbei in Griechenland.

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Takis Tsafos
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Veröffentlicht am:
29. 07. 2020
00:00 Uhr

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Takis Tsafos

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29. 07. 2020
00:00 Uhr