Meiningen

Kleine Stadt im großen Gitarrenfieber

Internationale Gitarrenfestivals gibt es landauf landab viele. Ein besonderes feierte jetzt im Städtchen Hersbruck bei Nürnberg sein 20. Jubiläum. Auch Thüringer waren dabei.



Der kubanische Komponist Tulio Peramo Cabrera (links) studierte mit Teilnehmern des 20. Internationalen Gitarrenfestivals in Hersbruck die Uraufführung eines seiner Werke ein. Fotos: Carola Scherzer
Der kubanische Komponist Tulio Peramo Cabrera (links) studierte mit Teilnehmern des 20. Internationalen Gitarrenfestivals in Hersbruck die Uraufführung eines seiner Werke ein. Fotos: Carola Scherzer   » zu den Bildern

Meiningen - Während die Kulturstadt Meiningen auf eine reiche Theater- und Musiktradition bauen kann und sich damit weit über die thüringische Provinz einen Namen machen konnte, hat Hersbruck nichts dergleichen zu bieten. Sehenswert im 12.000 Einwohnerstädtchen ist der mittelalterliche Stadtkern mit Fachwerkhäusern, fünf Kirchen, kopfsteingepflasterten Straßen und Gehwegen und dem einzigen Deutschen Hirtenmuseum.

Bis vor 20 Jahren war es kulturelles Brachland. Mit einem Gitarrenkonzert und Workshop wurde im Jahr 2000 ein Pflänzchen gesetzt. Initiator war der damalige Bürgermeister Wolfgang Plattmeier, der einen gitarrebegeisterten Sohn hatte. Inzwischen ist er Vorsitzender des Fördervereins des Internationalen Gitarrenfestivals. Sein Nachfolger Robert Ilg (Freier Rathausblock, FRB) ist seit 2010 organisatorischer Leiter.

Hochkarätige Konzerte

Die künstlerische Leitung hat seit 15 Jahren Johannes Tonio Kreusch, ein Gitarrist, Komponist und Musikpädagoge aus München. Musikergrößen wie Pepe Romero und die Los Romeros aus Spanien, das LAGQ (USA), Leo Brouwer (Kuba), David Russell (UK), Carlos Barbosa-Lima (Brasilien), Gerardo Núñez (Spanien) holte er unter anderem nach Hersbruck. Die hochkarätigen Konzerte, die allabendlich in der zweiten Augustwoche in einer Kultur- und Sporthalle mit 500 Plätzen stattfinden, lassen das Gitarrenfieber der Hersbrucker steigen und locken Freunde der Gitarrenmusik aus der ganzen Welt ins mittelfränkische Städtchen.

Zum Markenzeichen dieses Festivals gehören aber nicht nur die öffentlichen Konzerte, die von Klassik über Klezmer, Flamenco und Tango bis zu Weltmusik reichen. Die teilnehmenden Gitarristen - Profis und Amateure - schätzen die vielfältigen Weiterbildungsangebote mit namhaften internationalen Musikern. Mehr als 100 Teilnehmer, darunter circa 10 Stipendiaten von Musikhochschulen, waren beim 20. Jubiläumsfestival dabei. Die meisten kommen seit vielen Jahren, weil sie die familiäre Atmosphäre schätzen. Täglich besuchen sie Seminare, Vorträge, Einzel- und Gruppenunterricht. Verschiedene musikalische Stile, auch im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten, können sie ausprobieren.

Die fortgeschrittenen Gitarristen studierten diesmal mit dem weltbekannten Kubaner Tulio Peramo Cabrera die Uraufführung eines seiner Werke ein. Im Gegensatz dazu stand unter anderem ein Seminar für Acoustic Pop Guitar, geleitet von Michael Langer, Professor für klassische Gitarre an der Universität in Linz.

Danielo, einer der Stipendiaten der Weimarer Hochschule für Musik, schätzt das vielfältige Programm als Ergänzung zu seinem Studium. Zur öffentlichen Konzertmatinee konnte er sich mit Studenten aus Mexiko, Kroatien, Chile, Österreich und dem Iran messen und während der Festivalwoche mit ihnen austauschen.

Franziska, gebürtige Meiningerin, die in Würzburg Gitarre studierte und inzwischen als Gitarrenlehrerin an einer Musikschule in Freiburg/Breisgau unterrichtet, nimmt seit vielen Jahren am Festival teil. Sie begeistern die allabendlichen Konzerte mit berühmten Gitarristen und Ensembles, die es in dieser Vielfalt andernorts nirgends gibt. Wichtig sind ihr aber auch die Seminare und der Einzelunterricht, die ihren Unterricht mit den Schülern und ihr eigenes Spiel bereichern.

Erstmals teilgenommen hat Arne Puschneros, der ehemalige Direktor der Ilmenauer Musikschule und jetzige Gitarrenlehrer der Kreismusikschule. "Ich bin als Lehrer das ganze Schuljahr nur am ‚Geben’ und brauche in den Ferien immer mal eine neue Anregung für meine Arbeit, quasi zum Wiederaufladen der Batterie", sagt er im Gespräch. Dafür habe er schon verschiedene Festivals und Kurse bundesweit besucht, vor Hersbruck war er in Iserlohn. Die Idee habe er von Richard, seinem Schweizer Kollegen und Freund. Der Musikhochschullehrer aus St. Gallen fährt seit vielen Jahren zum Internationalen Gitarrenfestival nach Hersbruck. "Ich komme wegen der Konzerte und zum Austausch mit Kollegen", sagt der Schweizer.

Geheimrezept des Erfolgs

Befragt nach dem Geheimrezept des Erfolgs dieses Hersbrucker Festivals verrät Johannes Tonio Kreusch, der künstlerische Leiter: "Jenseits von Metropolen wie München wollte ich einen Begegnungsort international gefeierter Künstler und vielversprechender Newcomer etablieren." Ein großes Netzwerk von Gitarristen hat sich der Festivalleiter in 15 Jahren aufgebaut. Dem hochkarätigen Programm steht sein Credo als Musiker gegenüber: "wirklich statt virtuos". Hilfe bekam er von Stadt, Landkreis, Bezirk Mittelfranken und zahlreichen Sponsoren. "Das AOK-Bildungszentrums ist als zentraler Festivalort ideal. Es gibt Übernachtungsmöglichkeiten, Vortragssäle, Seminarräume und Küche mit großem Speisesaal. Dadurch konnte ich ein Zentrum der Gitarre und Musik mit Akademie-Charakter entwickeln." Das Pflänzchen sei zum Leuchtturmprojekt in der Provinz herangewachsen. In München oder Hamburg würde das Festival unter den vielen Veranstaltungen untergehen, ist Kreusch sicher.

Wichtig sind ihm die verschiedenen musikalischen Stile. "Die Ausbildung an den Universitäten ist vor allem auf klassische Gitarre ausgerichtet. Aber in der Praxis können sich die wenigsten als Konzertgitarrist eine Existenz aufbauen. Sie müssen als Pädagogen arbeiten, deswegen sollte die Hochschulausbildung viel komplexer sein."

Das vielseitig angelegte Konzept des Festivalleiters ist aufgegangen. Auf kulturellem Brachland gedeiht seit 20 Jahren ein reiches und befruchtendes Gitarrenleben, das auch bis nach Thüringen ausstrahlt.

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Carola Scherzer
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Veröffentlicht am:
20. 08. 2019
00:00 Uhr

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Carola Scherzer

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Veröffentlicht am:
20. 08. 2019
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