Thüringen

Wenn Schüler zu Erfindern werden

Eine Motorsäge, die sich bei Verletzungsgefahr abschaltet, ein Gluten-Schnelltest, ein mobiler Getränkekühler: Das sind Erfindungen von Schülern, die das Zeug zum Geschäftserfolg haben.



Das Gerät muss nur noch schrumpfen: Candy Jack Hoffmann wurde beim Meininger 24-Stunden-Schwimmen für seine Erfindung inspiriert.
Das Gerät muss nur noch schrumpfen: Candy Jack Hoffmann wurde beim Meininger 24-Stunden-Schwimmen für seine Erfindung inspiriert.   Foto: ari » zu den Bildern

Das 24-Stunden-Schwimmen in Meiningen hat Candy Jack Hoffmann schon einmal gewonnen, er schaffte 51 Kilometer. Der 17-Jährige aus Bermbach im Landkreis Schmalkalden-Meiningen liebt Sport. Er war auf dem Sportgymnasium in Erfurt, er leitet als Trainer eine eigene Schwimmgruppe in Meiningen. Doch er liebt auch Technik und Wissenschaft. Und so hat der junge Mann, der jetzt auf dem Goethe-Gymnasium in Ilmenau ist und in Klasse 11 kommt, ein Gerät erfunden, das schon nächstes Jahr beim 24-Stunden-Schwimmen in Meiningen eingesetzt werden soll.

Bisher müssen Freiwillige die Bahnen zählen, die die Schwimmer zurücklegen. Ein mühsames Geschäft, fehleranfällig, zudem werden Dutzende Helfer gebraucht. Zwei Helfer sind jeweils für eine Bahn zuständig, sie werden nach einer bestimmten Zeit ausgetauscht. Auf einer Bahn können sich bis zu 25 Schwimmer befinden. Vollzieht einer der Schwimmer eine Wende am Beckenende, vermerkt der Helfer das mit einem Klick auf seinem Tablet.

Das soll künftig vollautomatisch funktionieren. Das schwarze Kästchen, das Candy Jack Hoffmann diese Woche bei der Sommerschule "Jugend unternimmt" in Erfurt präsentiert, ist ein Prototyp. Es ist noch zu sperrig für einen Schwimmer. Es soll aber weiter schrumpfen, sodass es am Ende so dick ist wie fünf übereinandergelegte Kreditkarten, sagt der Erfinder. Dann lasse es sich leicht an Badehose und Badeanzug befestigen und störe die Schwimmer nicht.

Viele neue Ideen

Die Erfindung funktioniert mit einem Bewegungssensor. Dieser registriert die Wende am Beckenende und zählt so die nächste Bahn. Die Software, sagt der Schüler, würde es bemerken, wenn ein Schwimmer nur Wenden auf der Stelle macht und so seine Bahnzahl in die Höhe treibt. Betrug also ausgeschlossen. Die Signale von den Schwimmern werden mit 533 Megaherz zur Auswertung an eine Software gefunkt, die derzeit entwickelt wird.

So sehr der junge Mann auch für seine Erfindung brennt, so bewusst sind ihm die Grenzen, sie selbst zu vermarkten. "Ich bin Schüler, da habe ich nicht so viel Zeit", sagt er. Die Schule gehe vor. Er kann sich gut vorstellen, nach dem Abitur ein Studium in Richtung Sportbiologie oder Sportpsychologie aufzunehmen. Die mehrtägige Sommerschule "Jugend unternimmt" hat ihm jedenfalls viel gegeben: Er hat neue Ideen bekommen, sich mit Gleichgesinnten ausgetauscht und war selbst gefordert, seine Meinung zu den anderen Erfindungen einzubringen.

Insgesamt 13 Einzelerfinder und Erfinderteams aus dem gesamten Bundesgebiet, keiner der jungen Leute ist älter als 20, kamen im Erfurter Augustinerkloster zu der nun schon traditionsreichen Sommerschule zusammen. Teilnehmen dürfen Preisträger der Wettbewerbe "Jugend forscht" und "Jugend unternimmt", deren Ideen anwendungsreif sind oder ein hohes Verwertungspotenzial haben. So stellte ein junger Mann aus Baden-Württemberg "Frosty" vor, einen Getränkekühler für unterwegs. Andere präsentierten Software-Lösungen oder ein Smartphone-Bezahlsystem mit der Krypto-Währung Tether, das - wie beim Bargeld - anonymes Bezahlen ermöglichen soll.

Organisiert wird die Sommerschule von der Thüringer Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung (STIFT) sowie der Internationalen Martin Luther Stiftung. Das kleine Thüringen ist, man mag das als Außenstehender vielleicht gar nicht glauben, bei Erfindungen und Firmen-Neugründungen, sogenannten Start-ups, gar nicht schlecht aufgestellt. Die alljährlich stattfindenden Investor Days in Erfurt seien bundesweit eine der größten derartigen Veranstaltungen, sagt Christiane Kilian, die sich bei der STIFT um Start-ups kümmert.

Hier im Augustinerkloster präsentiert sich der Gründer-Nachwuchs. Man wolle eine "Brücke schlagen von der Jugend zum Unternehmertum", sagt Kilian. Natürlich sind die jungen Leute aufgeregt, ihre Ideen einer Jury vorzustellen. Aber sie treten ebenso selbstbewusst wie bodenständig auf, überzeugt von ihrer Sache. Ihre Präsentationen, an denen während der Sommerschule gefeilt wurde, sind schon ziemlich professionell. Manche enthalten konkrete Finanzierungspläne. Auch vor sechsstelligen Summen wird nicht zurückgeschreckt.

Der erste Platz

"Das sind alles umsetzbare Projekte. Ich bin begeistert", sagt Mentor Daniel Böhme, der bei der Erfurter Software-Firma NT.AG im Vorstand ist. Es sei gut, mit solchen Veranstaltungen junge Leute für unternehmerisches Denken zu begeistern. STIFT-Projektleiterin Kilian ist überzeugt: Wenn die jungen Erfinder nicht noch Schüler wären, sondern zehn Jahre älter, könnten sie eine erfolgreiche Firma gründen. Ihr zufolge wurden schon mehrere Ideen aus den Sommerschulen von großen Unternehmen umgesetzt.

Vielleicht gelingt das jetzt wieder. Gewonnen hat dieses Mal der 16-jährige Nicolas Lenzmann aus Nordrhein-Westfalen. Er hat das "Innovative Sicherheitssystem für Motorsägen" erfunden. Der Hersteller Stihl, sagt der Erfinder, sei von ihm bereits informiert worden, ein Patent habe er beantragt.

An der Motorsäge wird ein Funkmodul befestigt. Zugleich klebt der Nutzer der Säge sich ein Pad oder mehrere auf die Hose oder auf die Haut. Modul und Pad kommunizieren mittels RFID-Technologie miteinander. Kommt der Nutzer mit der Säge seinem Körper bedrohlich nahe, wird diese automatisch abgeschaltet. "Die Idee ist sehr gut. Sie bringt großen Nutzen, weil sie den Unfallschutz verbessert. Ich glaube, sie ist marktfähig", sagt Unternehmensberater und Jury-Mitglied Friedhelm Josephs. Nun seien noch Detailfragen zu klären. Der Erfinder selbst hat in dieser Zeit, in der junge Menschen jeden Freitag für mehr Umweltschutz demonstrieren, auch eine Botschaft: "Motorsägen sind nicht dazu da, den Amazonas abzuholzen, sondern um die Umwelt zu verschönern", sagt Nicolas Lenzmann. Die Idee sei ihm im Schlaf gekommen, berichtet er weiter. Unternehmer will er aber nicht werden - stattdessen Arzt, Helikopter-Pilot oder Ingenieur.

Ebenso erfrischend präsentiert die 18-jährige Janika Müller aus Brandenburg ihre Erfindung, für die sie mit Platz 2 belohnt wurde. Jury-Mitglied Dagmar Schipanski, früher Professorin in Ilmenau und Thüringer Wissenschaftsministerin, ist voll des Lobes. "Das ist ein Produkt, das sehr vielen Menschen helfen würde", sagt sie. Besonders begeistert habe sie als Physikerin, dass dabei die Interferenz-Messung zum Einsatz komme. Um es mit der jungen Erfinderin ganz korrekt auszudrücken: Verwendet werde die "Dünnschicht-Interferenz-Spektroskopie".

Auch Frauen vorn

Janika Müller, die ab Herbst in Potsdam Biowissenschaften studieren will, hat einen Gluten-Schnelltest erfunden. Als Gluten werden Eiweiße in Getreide bezeichnet, die viele Menschen nicht vertragen. In Deutschland gibt es nach Schätzungen mindestens 160 000 Betroffene. Anders als bei der noch weiter verbreiteten Unverträglichkeit von Milchzucker (Laktose) bleibt es hier nicht bei Unwohlsein und Übelkeit. Vielmehr wird bei der Zöliakie, so heißt die von Gluten verursachte Krankheit, der Darm angegriffen, der Monate braucht, um sich zu erholen. Das wiederum erhöht das Krebsrisiko.

Janika hat selbst Zöliakie, so wie zwei ihrer drei Brüder. Wiederholt machte die Familie schlechte Erfahrungen in Gaststätten. Angeblich gluten-freie Nudeln waren es dann doch nicht. Die Gefahr lauert in Soßen, in Eis, im Brot. Es gebe in den USA bereits ein Testgerät, doch das sei sehr teuer, sagt die Erfinderin. Mit ihrem Schnelltest soll es jedem möglich sein, in kurzer Zeit selbst ein Lebensmittel auf Gluten zu testen. Die junge Frau arbeitet schon mit den Universitäten Bielefeld und Potsdam zusammen. Es sprudelt geradezu aus ihr heraus, wenn sie über ihr Vorgehen und die technischen Fragen erzählt. Beispielsweise hat sie für die Interferenz-Messung einen Laser aus einem handelsüblichen CD-Spieler ausgebaut.

Noch seien viele weitere Tests nötig und Probleme zu lösen, bis ein marktfähiges Gerät vorliegt, sagt sie. Aber von Ex-Wissenschaftsministerin Schipanski, die selbst Zöliakie-Betroffene in der Familie hat, bekommt sie sehr viel Zuspruch. Besonders freut sich Schipanski darüber, dass Janika Müller eine von mehreren jungen Frauen war, die an der Sommerschule teilnahmen.

Autor

Eike Kellermann
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Veröffentlicht am:
28. 07. 2019
08:53 Uhr

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Eike Kellermann

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Veröffentlicht am:
28. 07. 2019
08:53 Uhr