Regionalsport

Absturz eines Jahrhunderttalents

Gotthard Zölfl hat mit Lothar Kurbjuweit und Joachim Streich in einer Mannschaft gespielt - und ist dann katastrophal abgestürzt. Heute kennt ihn kaum noch einer. Das vielleicht größte Talent des DDR-Fußballs wäre diese Woche 70 Jahre alt geworden.



Ausnahmetalent: Gotthard Zölfl im Jahr 1966 im Trikot des FC Karl-Marx-Stadt in einem Jugendspiel. Foto: Erik Kiwitter
Ausnahmetalent: Gotthard Zölfl im Jahr 1966 im Trikot des FC Karl-Marx-Stadt in einem Jugendspiel. Foto: Erik Kiwitter  

Sportler sind auch nur Menschen, sagt Joachim Streich am Telefon. Der ehemalige Fußballer vom 1. FC Magdeburg, den man zwar nie als den "Bomber der Nation" bezeichnet hat wie Gerd Müller vom FC Bayern München, aber dafür als "Gerd Müller des Ostens", was am Ende vielleicht auf das Gleiche hinausläuft, trägt seit Kurzem einen Herzschrittmacher. "Wenn ich morgens aufgestanden bin, dann wurde mir immer schwindelig. Und mein Puls ging ständig rauf und runter", berichtet Streich, 1974 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik zweifacher Torschütze für die DDR. Seit er den Herzschrittmacher trage, gehe es ihm wieder viel besser, sagt er. Auch Lothar Kurbjuweit macht die Gesundheit zu schaffen. Der ehemalige Abwehrspieler des FC Carl Zeiss Jena, der 1974 ebenfalls bei der WM mit dabei war, musste in diesem Jahr eine Wirbelsäulen-OP über sich ergehen lassen. Kurbjuweit und Streich, zwei Große des DDR-Fußballs, gehen straff auf die 70 zu, sind inzwischen 69.

Raue Sitten

Gotthard Zölfl wäre heute genauso alt und vielleicht auch noch genauso bekannt wie die beiden - wenn nicht ein katastrophaler Absturz dazwischengekommen wäre, von dem er sich nie wieder erholt hat. Eingefleischte Fans oder ehemalige Mannschaftskameraden können mit dem Namen Zölfl schon noch etwas anfangen. Streich und Kurbjuweit haben mit ihm 1969 in der DDR-Auswahl gespielt, die beim Uefa-Turnier, das immerhin als inoffizielle Junioren-Europameisterschaft galt, das Endspiel erreicht hat. Keiner schoss bei dem Turnier so viele Tore wie Zölfl. "Gotthard galt als Jahrhunderttalent", sagt Kurbjuweit. Streich schwärmt, Zölfl sei ein Shooting-Star gewesen, zu dem die gleichaltrigen Spieler aufgeblickt hätten, weil er schon als 17-jähriger Bengel beim FC Karl-Marx-Stadt in der ersten Mannschaft gestanden habe. Aber den meisten sagt der Name Zölfl heute nichts mehr. Die Karriere war so schnell zu Ende wie sie begann. Am Ende wurde Zölfl nur 57.

Die traurige Geschichte von Gotthard Zölfl ist ein Beispiel dafür, dass im generalstabsmäßig geplanten und organisierten DDR-Sport nicht jede Biografie in das Bilderbuch eines sozalistisch wohlerzogenen und erfolgreichen Leistungssportlers passte.

Gotthard Zölfl wächst in Neuwürschnitz auf, einem Dorf direkt an der A 72 und ganz in der Nähe von Chemnitz, das in der DDR Karl-Marx-Stadt heißt. Die meisten Männer im Ort arbeiten im Bergbau, entweder bei der SDAG Wismut, die das gefährliche Uranerz aus der Erde holt, oder in der Steinkohle. Die Sitten in der Gegend sind rau und die Menschen fußballverrückt. 1953 gewinnen die Junioren von Wismut Neuwürschnitz den Junge-Welt-Pokal - ein spektakulärer Erfolg. Immerhin nehmen an dem Endrunden-Turnier in Halle auch Mannschaften aus dem Westen teil: 1860 München, Turu Düsseldorf, VfR Pforzheim. Die meisten Jungen in dem Ort werden Fußballer. Gotthard Zölfl fällt in der Schule zwar nicht durch besonders gute Noten auf, aber dafür in der Schülermannschaft mit seiner ausgefeilten Technik und seinen straffen Schüssen. "Er war ein begnadeter Fußballer", sagte sein Bruder Wolfgang einmal. Was sich andere hart hätten erarbeiten müssen, hätte er nur so aus dem Ärmel geschüttelt.

Drei Tore gegen England

Eines Tages - irgendwann im Jahre 1966 - steht ein Trainer des FC Karl-Marx-Stadt vor der Tür. Der Klub spielt in der DDR-Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR, und ist gerade auf dem aufsteigenden Ast. Der Bengel aus dem Dorf schlägt ein wie eine Bombe. Joachim Streich, der später sein Mannschaftskamerad in der DDR-Juniorenauswahl werden wird, hat den Spieler als einen in Erinnerung, "der körperlich und fußballerisch schon sehr zeitig richtig gut entwickelt war. Ein außergewöhnliches Talent!" Gotthard Zölfl schafft nicht nur den Sprung in die erste Mannschaft des Klubs, der 1967 sogar Meister wird, sondern er fährt im gleichen Jahr zum ersten Mal mit zum Uefa-Junioren-Turnier. Da ist er gerade einmal 16.

Zwei Jahre später das Turnier mit ihm, Joachim Streich und Lothar Kurbjuweit. Auch die späteren DDR-Nationalspieler Hans-Jürgen Dörner, Konrad Weise und Jürgen Pommerenke stehen mit in der Mannschaft. Im zweiten Vorrundenspiel gegen die CSSR in Karl-Marx-Stadt vor 25 000 Zuschauern läuft die 22. Minute. Es gibt Freistoß für die DDR. Aus 20 Metern hämmert ein Stürmer das Leder "flach und glashart" - wie kurz darauf die Zeitschrift "Neue Fußballwoche" schreiben wird - ins Netz. Der Spieler heißt Gotthard Zölfl und hat soeben das entscheidende 1:0 geschossen.

Es folgt ein unvergessliches Spiel gegen England in Magdeburg vor 30 000 Zuschauern. Beim Spiel gegen die Elf aus dem Mutterland des Fußballs, das die DDR 4:0 gewinnt, schießt Zölfl mit drei Toren den Gegner fast ganz allein in Grund und Boden. Nach dem Schlusspfiff bilden die englischen Fußballer ein Spalier und applaudieren dem Jungen aus Neuwürschnitz ehrfurchtsvoll. Das muss der Fußball-Himmel gewesen sein. Am Ende wird er Torschützenkönig und Joachim Müller vom FC Karl-Marx-Stadt, der ebenfalls zur DDR-Mannschaft gehörte, wird viele Jahre später, als Gotthard Zölfl schon nicht mehr lebte, einmal sagen: "Wäre damals auch ein Titel für den besten Spieler des Turniers vergeben worden - Gotthard hätte ihn bekommen."

Was kostet die Welt

Was hätte aus dem Jungen werden können! Doch statt weiter nach oben geht es in einem Höllen-Tempo nach unten. Bald ist Gotthard Zölfl immer öfter im Ratskeller in Karl-Marx-Stadt und in anderen Gaststätten zu finden. An seiner Seite sitzen junge Frauen und vermeintliche Freunde. Auf den weißen Tischdecken der verrauchten Kneipen stehen Sektflaschen und Schnapsgläser. Die Zeche bezahlt der aufgehende Fußball-Star, der nicht merkt, wie sein Stern zu verblassen beginnt und wie er ausgenutzt wird. "Die Geldscheine schauten leger aus der Brusttasche seiner Hemden heraus. Was kostet die Welt, lautete seine Devise", erinnerte sich sein Bruder.

Der FC Karl-Marx-Stadt setzt ihn 1969 noch beim Pokalendspiel gegen den 1. FC Magdeburg bei einigen Oberligaspielen ein. Aber der Alkoholkonsum des Jungen steigt rapide. Der Fußballer wird nach seinen Kneipenbesuchen immer öfter ausfällig, prügelt sich herum und legt sich sogar mit der Polizei an. Warum hat ihn sein Klub nicht in den Griff bekommen?

Der hat es offenbar versucht. "Zölfl zählte bis 1969/70 zu den leistungsstärksten Fußballern im Nachwuchsbereich des Deutschen Fußball-Verbandes. Auf Grund seines labilen Charakters wurden mit ihm 1969 ernsthafte Auseinandersetzungen durch die zuständigen Organe geführt", heißt es in einer Information der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung. Weiter steht in dem Dokument: "Da Z. nicht gewillt war, entsprechende Lehren zu ziehen, erfolgte 1970 sein Ausschluss aus dem FCK. Durch den Deutschen Fußball-Verband wurde er für jeglichen Leistungssport gesperrt."

Das jähe und unrühmliche Ende einer Laufbahn, die so hoffnungsvoll begann. Noch keine 20, da ist schon alles aus, während Streich und Kurbjuweit inzwischen in der DDR-Oberliga spielen. "Gotthard war eigentlich immer ein ruhiger Kerl und nie auf Krawall gebürstet. Irgendwann war er nicht mehr in den Mannschaftsaufgeboten zu finden, ohne dass ich mir etwas dabei gedacht habe. So verlor ich ihn schließlich aus den Augen", berichtet Lothar Kurbjuweit.

Zur Strafe schicken die Funktionäre Gotthard Zölfl als Soldat zur Nationalen Volksarmee. Als er den Grundwehrdienst beendet hat, rutscht er immer weiter ab. Wegen schwerer Körperverletzungen landet er sogar ein paarmal im Gefängnis. Zölfl bleibt auch im Visier des Staatssicherheitsdienstes - wenn auch eher zufällig. Einmal läuft er in Karl-Marx-Stadt in der Poststraße einem Bekannten in die Arme, von dem er nicht weiß, dass er für den DDR-Geheimdienst spitzelt. Auch darüber gibt es in den Akten einen Bericht. Demnach lädt der ehemalige Fußballer den Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS in die nahe Gaststätte "Bodega" ein und erzählt seinem Gegenüber freimütig, dass er noch im Besitz des Reisepasses sei.

Bei seinem Rauswurf aus dem FC Karl-Marx-Stadt habe er geschwindelt und angegeben, den Passe verloren zu haben, was aber glatt gelogen gewesen sei. Dann legt er dem Stasi-Spitzel das Dokument triumphierend auf den Tisch und sagt: "Ich würde eine neue Chance besser nutzen. Aber ich haue ab, wenn ich nicht wieder nach oben komme. Außerdem weiß ich über leitende Funktionäre des FCK-Vorstandes Dinge, die niemand erfahren darf." Ob die angedrohte "Republikflucht" strafrechtliche Konsequenzen nach sich gezogen hat, lässt sich anhand der vorliegenden Akten nicht mehr rekapitulieren. Eine neue Chance bekommt er natürlich nicht.

Essen von der Mutter

Auf dem Platz ein Held, im Leben ein Verlierer. Gotthard Zölfl spielt noch einige Zeit in der Bezirksklasse bei Motor Lößnitz, bevor er wieder bei seinem alten Heimatverein in Neuwürschnitz landet. Er lässt dort manchmal immer noch sein altes Können aufblitzen, aber einmal muss der Trainer Zölfl vom Platz nehmen, weil er stockbetrunken über seine eigenen Beine stolpert. Mit der deutschen Wiedervereinigung wird er arbeitslos und lebt von Stütze. "Seine letzten Jahre waren erbärmlich", sagt eine Bekannte. Er vertrinkt das wenige Geld und bekommt das Essen von seiner Mutter. In seiner verwahrlosten Wohnung erinnert nichts mehr an die Zeit, in der er zu den besten Nachwuchsspielern Europas gehört. An irgendeinem Tag im Herbst des Jahres 2007 holt ihn der Notarzt, mit Blaulicht kommt er auf die Intensivstation eines Krankenhauses, bevor er wenig später in ein Seniorenheim nach Hohenstein-Ernstthal zieht. Mit 57 ein Wrack.

In dem Heim lebt Gotthard Zölfl nur einen Monat. Es ist der Heilige Abend, als ihn Bestatter in einem grauen Sarg aus dem Gebäude tragen. In dieser Woche wäre er 70 Jahr alt geworden.

Autor

Erik Kiwitter
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Veröffentlicht am:
24. 10. 2020
00:00 Uhr

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Erik Kiwitter

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24. 10. 2020
00:00 Uhr