Regionalsport

Mediziner Mark Schmidt gesteht jahrelanges Blutdoping

Über mehrere Jahre soll Mark Schmidt Sportler gedopt haben. Am fünften Prozesstag in München gesteht der Arzt umfangreich und führt sogar Geräte zur Blutaufbereitung vor. Zwei Aspekte aber sind dem Thüringer bei all dem Sportbetrug sehr wichtig.



Doping-Prozess
Mediziner Mark S. (2.v.l.) hat als Hauptangeklagter im Blutdoping-Prozess ein umfassendes Geständnis abgelegt.   Foto: Peter Kneffel/dpa

Mark Schmidt hantiert an den Maschinen herum, hält Beutel und Schläuche in die Höhe und erklärt detailreich, wie so eine Blutaufbereitung funktioniert. Nach einem umfangreichen Geständnis über jahrelange Dopingvergehen soll der Erfurter Arzt nun auch zeigen, wie die Geräte zu bedienen sind. Also stellt sich Mark Schmidt in die Mitte des Saals 270 des Münchner Justizpalastes und zeigt dem Landgericht, welche Knöpfe und Regler an den aufgereihten Maschinen - die Druckern ähneln - zu betätigen sind. Der Mediziner hat in eineinhalb Jahren Untersuchungshaft kaum etwas vergessen.

Nach zwei Auftaktwochen hat Mark Schmidt als Hauptangeklagter in dem Blutdopingverfahren ein umfassendes Geständnis abgelegt. Am fünften Verhandlungstag berichtete der Arzt von selbst durchgeführten und mithilfe von Komplizen organisierten Manipulationen seit 2012. Zahlreich Winter- und Radsportler habe Mark Schmidt betreut, gaben dessen Verteidiger am Dienstag bei der Verlesung einer Erklärung an. Neue Namen, die nicht schon in der Anklage standen, fielen dabei keine. Nachfragen des Gerichts beantwortete der Mediziner nicht.

Mit seiner Aussage wollte der 42-Jährige neben dem Geständnis der Taten vor allem unterstreichen, dass er durch die Doping-Geschäfte kein Geld verdiente und keine Athleten gesundheitlich gefährdete. Das unterstrich sein Anwalt Juri Goldstein in einer Prozesspause.

«Ich habe mit Doping keinen Gewinn erzielt», sagte der Arzt. Von den Athleten habe Mark Schmidt normalerweise pro Saison 5000 Euro als Grundbetrag für die medizinische Betreuung erhalten - intensivere Maßnahmen kosteten mehr, bei Erfolgen der Athleten gab es ebenfalls einen Aufschlag. Er habe große Ausgaben etwa durch Spezial-Equipment zur Blutaufbereitung sowie durch Reise- und Hotelkosten gehabt.

Sechs dieser Gerätschaften, die großteils bei einer Razzia am 27. Februar 2019 in Erfurt sichergestellt wurden, bauten Gerichtshelfer dann im Saal auf. Mark Schmidt erklärte, welche Funktion diese haben; ein Gerät zum Verschweißen von Blutschläuchen schaltete er sogar an und führte es vor. Die anderen Maschinen dienen der Aufbereitung des Blutes, etwa zur Trennung von Blutplasma und roten Blutkörperchen.

Mark Schmidt schien deshalb so umfangreich über die Geräte zu referieren, um zu zeigen, dass er medizinisch verantwortungsvoll gehandelt habe. «Mir war immer wichtig, dass den Sportlern kein gesundheitlicher Schaden zugefügt wird», beteuerte er. Davor habe er von teils abenteuerlichen und riskanten Dopingmethoden erfahren.

Er widersprach einem Anklagepunkt der Staatsanwaltschaft, wonach er einer Mountainbikerin ein gefährliches Präparat verabreicht habe. Er sagte, dass er der Österreicherin berichtet habe, dass er selbst keine Tests mit dem Mittel durchgeführt habe. Die Staatsanwaltschaft wirft Mark Schmidt bei dieser Episode gefährliche Körperverletzung vor.

Neben diesem Anklagepunkt treffen laut Verteidiger auch gut ein Dutzend weitere der insgesamt fast 150 Vorwürfe nicht zu: Mal sei etwa nicht Mark Schmidt bei einer Dopingmaßnahme dabei gewesen, mal sei Blut nur entnommen und nicht wieder injiziert worden.

Dagmar Freitag reagierte empört auf die Aussage. «Das Geständnis eröffnet einen Einblick in eine Denkweise, die fassungslos machen muss», sagte die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestags der dpa. «Mark Schmidt behauptet, "nur" kostendeckend gearbeitet zu haben und stets dafür gesorgt haben zu wollen, dass kein gesundheitlicher Schaden verursacht wird. Und das alles aus "Faszination und die Liebe zum Sport".» Doping sei Betrug an allen sauberen Konkurrenten und Verrat an den ethischen Werten des Sports, unterstrich die SPD-Politikerin.

In den ersten Prozesswochen hatten zwei Helfer von Mark Schmidt ausgesagt und die Ergebnisse der Ermittlungen in der «Operation Aderlass» bestätigt. Der Erfurter Arzt habe sie damit beauftragt, Sportlern an diversen Orten Blut abzunehmen und zuzuführen. Das räumte nun auch der Mediziner selbst ein. Der Vater von Mark Schmidt als weiterer Angeklagter hatte ausrichten lassen, von den Machenschaften seines Sohnes gewusst zu haben. «Besonders leid tut mir, dass ich meinen Vater in die Vorgänge reingezogen habe», sagte Mark Schmidt.

Einzig der fünfte Angeklagte in dem Verfahren, der Bauunternehmer Dirk Q., äußerte sich bislang nicht. Er sitzt neben Mark Schmidt seit Anfang 2019 in Untersuchungshaft, weil er laut Staatsanwaltschaft ebenfalls Athleten Blut entnommen und wieder injiziert hat, unter anderem während der Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang.

Mark Schmidt berichtete von seiner Zeit als Teamarzt der Radrennställe Gerolsteiner und Milram von 2007 bis 2010. Obwohl die beiden Teams wegen Dopingfällen aufgelöst worden waren, stritt er wie bereits in der Vergangenheit ab, in jene Manipulationen verwickelt gewesen zu sein. «Warum ich mich danach entschloss, Eigenblutdoping anzuwenden, das kann ich nicht sagen. Die Faszination und die Liebe zum Sport waren die Antriebswelle für diese Entscheidung», ließ er verlesen.

Im größten deutschen Doping-Prozess seit Jahren wird ein Urteil kurz vor Weihnachten erwartet. Die Ermittlungen hatten im Januar 2019 nach einer ARD-Dokumentation und Aussagen des Skilangläufers Johannes Dürr begonnen - der Österreicher soll am Mittwoch in München aussagen. dpa

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Veröffentlicht am:
29. 09. 2020
11:29 Uhr

Aktualisiert am:
29. 09. 2020
15:27 Uhr

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