Regionalsport

«Verkalkuliert»: Vereinigung mit Sport-«Wunderland DDR»

Die Vereinigung des deutschen Sports vor 30 Jahren weckt hohe Erwartungen. Doch dass aus einer erfolgreichen und einer sehr erfolgreichen Nation die Nummer eins der Sport-Welt werden würde, dieser Traum erfüllt sich nicht.



Geste mit Symbolkraft: Arm in Arm ziehen die Fahnenträger Gabriele Lippe (BRD) und Ulf Timmermann (DDR) am 1. September 1990 während der Schlussfeier der Leichtathletik-Europameisterschaft im jugoslawischen Split in das Stadion ein.	Foto: dpa
Geste mit Symbolkraft: Arm in Arm ziehen die Fahnenträger Gabriele Lippe (BRD) und Ulf Timmermann (DDR) am 1. September 1990 während der Schlussfeier der Leichtathletik-Europameisterschaft im jugoslawischen Split in das Stadion ein. Foto: dpa   » zu den Bildern

Frankfurt/Main - Es war eine Szene für die Geschichtsbücher. Arm in Arm marschierten Kugelstoßer Ulf Timmermann und Hürdenläuferin Gabriele Lippe mit ihren Landesfahnen bei der Schlussfeier der Leichtathletik-EM 1990 in Split in das Stadion. Die Geste des DDR-Athleten und der Sportlerin aus der Bundesrepublik wenige Monate nach dem Fall der Mauer hatte Symbolkraft, die nicht nur die damals auf der Tribüne sitzende Heide Rosendahl-Ecker bewegte. "Da hatte ich Tränen in den Augen", sagt die Doppel-Olympiasiegerin im Weitsprung und mit der Sprint-Staffel von 1972 in München.

Für Alfons Hörmann nahmen die Leichtathleten aus Ost- und Westdeutschland vorweg, was wenig später offiziell folgte. "Die Botschaft der Sportler war klar: Wir sind ein Land und wir sind ein Team", erklärt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Ganz so einfach war die vor 30 Jahren mit hohen Erwartungen verknüpfte Vereinigung der zutiefst unterschiedlichen Sportsysteme der DDR und der Bundesrepublik allerdings nicht. Die kühne Prognose von Franz Beckenbauer nach dem WM-Triumph 1990 in Rom, dass Deutschland mit Fußball-Größen der DDR wie Matthias Sammer oder Ulf Kirsten "unschlagbar" werde, bewahrheitete sich ebenso wenig wie die Formel, dass aus zwei erfolgreichen Sportnationen die erfolgreichste der Welt entsteht. Das sei "von Anfang an eine Milchmädchenrechnung" gewesen, sagt Hörmann. Auch Walther Tröger sprach von einer Gleichung, die nicht aufgeht. "Man konnte nicht einfach alles zusammenwürfeln. Die Sportler im Osten hatten ein funktionierendes System verloren", erklärt der 91-Jährige, der von 1992 bis 2002 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees war.

"Der Spitzensport war ein regelrechter Sonderfall der deutschen Einheit", meint die Historikerin Jutta Braun. Bundesdeutsche Sportpolitiker und Verbände hätten anfangs zu erkunden gehofft, "was denn die Geheimnisse hinter dem Sport im Wunderland DDR waren und welche Bausteine man imitieren oder übernehmen" könne. Denn die DDR war bei den olympischen Kräftemessen seit Mexiko 1968 besser gewesen als die Bundesrepublik - "und das hatte sich dauerhaft festgesetzt", erklärt Braun. In Zahlen ausgedrückt: Die DDR gewann zwischen 1968 und 1988 mehr als 500 Olympia-Medaillen, die Bundesrepublik nicht einmal die Hälfte.

Zunächst schien die Rechnung aber doch aufzugehen: Bei den Olympischen Winterspielen 1992 im französischen Albertville eroberte das vereinte Deutschland Platz eins im Medaillenspiegel, bei den Sommerspielen in Barcelona lief es Monate später mit vereinten Kräften ähnlich verheißungsvoll. "Der Spitzensport schien ein Vereinigungsgewinn zu sein. Da hatte man sich aber verkalkuliert", betont Braun, die im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätig ist.

Denn die Strukturen und Entscheidungen im DDR-Sport seien in einer Demokratie nicht möglich gewesen: "Das fängt beim staatlichen Dopingsystem an." Dazu gehörte aber auch die Stasi-Überwachung von Athleten und Trainern oder eine zwangsweise Talentauslese an Schulen sowie eine Heerschar von rund 10 000 hauptamtlichen Trainern und Mitarbeitern für die "Diplomaten im Trainingsanzug" der DDR in Zeiten des Kalten Krieges. "Alles wurde dem Ziel, den sportlichen Triumph über den Klassenfeind feiern zu können, untergeordnet", merkt Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, an.

Mit der Einheit seien auch die Machenschaften verantwortungsloser Ärzte und Trainer im Westen ans Licht gekommen. "Werte des Sports wurden ebenso mit Füßen getreten, schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen in Kauf genommen, hüben wie drüben", urteilt Freitag. "Die viel beschworenen Selbstreinigungskräfte des Sports standen nach meiner Wahrnehmung zu keinem Zeitpunkt an der Spitze der Bewegung." Zu groß sei die Euphorie im wiedervereinigten deutschen Sport gewesen, "mit einem Schlag in der ersten Reihe der Medaillensammler stehen zu können", was sich jedoch "schnell als Irrglaube" erwiesen habe.

"Von bloßer Addition im Medaillenspiegel auszugehen, wäre naiv gewesen", sagt Jürgen Kessing, Präsident der deutschen Leichtathleten. "Wo vorher zweimal drei Startberechtigungen vorlagen, gab es plötzlich nur noch einmal drei Startplätze je Disziplin, was zur Reduzierung der Medaillenchancen führte." In Sachen deutsche Einheit hält er die Integration in seiner Sportart für erfolgreich, wenn auch nicht alles richtig gemacht worden sei. "So ist es bis heute nicht gelungen, in der Rekorddiskussion neue Wege zu gehen", sagt er mit Blick auf irrwitzige Bestmarken aus den Doping-Hochzeiten.

Die Aufarbeitung der Doping-Vergehen in den vom Molekularbiologen Werner Franke initiierten Prozessen in den 1990er Jahren ist laut Braun einzigartig gewesen: "Es ist eine enorme Leistung, nicht nur auf die Mauerschützen an der innerdeutschen Grenze geblickt zu haben, sondern dass auch Vergehen im Sport juristisch hinterfragt wurden." Außerdem hält die Historikerin in der Bilanz der deutschen Sport-Einheit nicht den Spitzen-, sondern den Breitensport für "das Allerwichtigste". Aktuell sind rund 27 Millionen Mitglieder in etwa 90 000 Vereinen organisiert. In der DDR gab es kein freies Vereinswesen, sondern einen staatlich gelenkten Betriebssport. Das musste neu geschaffen werden.

"Insofern kann man für den Breitensport sagen: Es ist mittlerweile zusammengewachsen, was zusammengehört. Es war die Rückkehr der Zivilgesellschaft in den sportlichen Alltag", urteilt Braun. Für sie lässt sich darüber hinaus eine generelle Lehre aus dem DDR-Sport ziehen: "Die Anzahl an Medaillen, die ein Staat erbringt, ist kein zuverlässiger Indikator für das Ausmaß an Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlstand und Zufriedenheit in einer Gesellschaft."

Der vielfältige Breitensport hat für Hörmann "genauso viel Strahlkraft wie die andere Seite der Medaille, die großen Vorbilder an der Spitze". Das deutsche Team kämpfe weiterhin um Medaillen, im Mittelpunkt stehe jedoch die Art und Weise: "Ist der Erfolg sauber und fair errungen?"

Die positiven Aspekte des leistungssportlichen DDR-Erbes seien inzwischen fast aufgebraucht. "Mit der 2016 verabschiedeten Leistungssportreform sind wir nun 30 Jahre nach der Wiedervereinigung auf einem guten Weg, das gesamtdeutsche Sportsystem für die Zukunft fit zu machen", verdeutlicht Hörmann.

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Andreas Schirmer
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Veröffentlicht am:
02. 10. 2020
17:14 Uhr

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Andreas Schirmer

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Veröffentlicht am:
02. 10. 2020
17:14 Uhr