Regionalsport

Wettkampf für die Geschichtsbücher

Drei Turner aus dem Westen, vier aus dem Osten: Am 30. September 1990 tritt erstmals seit den Olympischen Spielen 1964 ein deutsch-deutsches Sportteam öffent- lich in Erscheinung.



Zeitzeuge: Turn-Ass Andreas Wecker aus Staßfurt.	Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Zeitzeuge: Turn-Ass Andreas Wecker aus Staßfurt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa  

Berlin - Schon drei Tage vor der politischen Einheit sind die Kunstturner am 30. September 1990 als erstes wiedervereintes gesamtdeutsches Team angetreten. In der Münchner Olympiahalle fand ein sogenannter Drei-Länder-Wettkampf statt, der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble war Schirmherr. Als erstes gesamtdeutsches Team wurden sie damit "Vorturner der sportlichen Nation", wie es damals hieß.

Auch für die Sportler selbst war es ein spezielles Ereignis. "Man ist einfach stolz, dass man dabei war, weil es für die Ewigkeit ist", sagt Ralph Kern, der als einer der westdeutschen Turner an dem Wettkampf teilnahm. In "jungen Jahren" sei den Turnern gar nicht bewusst gewesen, Teil von etwas ganz Großem zu sein, berichtet Kern: "Dass das etwas für die Ewigkeit ist und man Geschichte damit schreibt, ist einem damals noch gar nicht so richtig klar gewesen."

Nach den Olympischen Spielen 1964 in Tokio gingen die Sportler aus Ost- und Westdeutschland zunächst getrennte Wege. Nach 26 Jahren gab es dann in München der Neuanfang. "Die Mannschaft der deutschen Turner setzte sich aus vier Ost-Turnern und drei West-Turnern zusammen", erinnert sich Wolfgang Staiger, der bis 2004 Sprecher des Deutschen Turner-Bundes (DTB) war.

Mit Mike Beckmann und Ralph Kern seien die stärksten Turner aus der Bundesrepublik nominiert worden, sagt Staiger. Rainer Lindner von Bayern München sei aufgrund seiner guten Form und auch wegen des regionalen Aspekts in die Mannschaft berufen worden. "Nach welchen Kriterien die Turner aus dem Osten nominiert wurden, kann ich nicht beurteilen. Mit Andreas Wecker, Ralf Büchner, Jens Milbradt und Oliver Walther gingen aber auf jeden Fall Weltklasseathleten an die Geräte."

Die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft sei hervorragend gewesen, merkt Staiger an: "Das Miteinander war wirklich gut, man respektierte die Leistung des anderen." Die Sportler untereinander kannten sich ohnehin längst von internationalen Wettkämpfen. "Da durfte man zwar offiziell nichts miteinander zu tun haben, aber natürlich hat man sich da nach einem Wettkampf auch schon mal inoffiziell bei einer Feier getroffen", berichtet Kern.

Gravierende Unterschiede

Nicht zu unterschätzen sei allerdings der Klassenunterschied gewesen. "Die Bedingungen im Osten waren härter, schärfer und auch konsequenter", berichtet Eckard Herholz, der in der DDR Turntrainer und später TV-Reporter war. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul wurde das damalige DDR-Team Zweiter, die BRD-Mannschaft nur Zwölfter. "Die hatten im Osten eine ganz andere Basis, die haben von klein auf anders trainiert", sagt Kern, der heute als Mannschaftsarzt des Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim arbeitet. "Das waren Profis - und wir waren im Prinzip Studenten und haben halt noch ein bisschen geturnt."

Die große Problematik lag 1990 allerdings im Trainerbereich. "An Dieter Hofmann, dem ehemaligen Cheftrainer des DDR-Turnverbandes, haben sich sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland die Geister geschieden", erzählt Staiger. "Diese Diskussionen belasteten bereits im Vorfeld des Länderkampfes das Geschehen."

Letztlich habe sich Hofmann, auch aufgrund des medialen Drucks, selbst aus der ersten Reihe genommen und somit eine salomonische Lösung ermöglicht. Beim Münchner Länderkampf betreuten der Cheftrainer West, Franz Heinlein, und Hofmann als ostdeutscher Cheftrainer die Athleten gemeinsam. dpa

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Veröffentlicht am:
03. 10. 2020
08:05 Uhr

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03. 10. 2020
08:05 Uhr