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Nach Corona-Wirbel um Prudhomme: Bennett sprintet zum Sieg

Die Sorgen waren groß, dass sich die Fahrer bei der Tour mit dem Coronavirus anstecken. Doch das Peloton hat aufgepasst - im Gegensatz zu Tourchef Prudhomme. Sportlich triumphierte der Ire Sam Bennett, der bei Bora-hansgrohe keine Perspektive mehr gesehen hatte.



Zielsprint
Der Ire Sam Bennett (2.v.l.) holt sich auf der Ile de Re den Etappensieg.   Foto: Kenzo Tribouillard/AFP Pool via AP /dpa » zu den Bildern

Die kullernden Tränen der Erleichterung und Freude von Sam Bennett dürften auch den mächtigen Tour-Patron Christian Prudhomme in der Quarantäne vor dem TV ergriffen haben.

«Ich bin im Schockzustand und total überfordert», stammelte der Ire nach seinem ersten Etappensieg bei der Tour de France, schlug die Hände vor das Gesicht und wischte sich durch die feuchten Augen. «Ich habe immer davon geträumt. Ich dachte, es passiert nie. Jetzt ist es Realität geworden», ergänzte der 29-Jährige, der im letzten Jahr noch eine Nebenrolle beim deutschen Bora-hangrohe-Team eingenommen hatte.

Nun schlug seine Stunde. Vor der atemberaubenden Kulisse der Île de Ré siegte Bennett nach 168,5 Kilometern vor dem Australier Caleb Ewan und Ex-Weltmeister Peter Sagan (Slowakei). Damit lenkte Bennett die Aufmerksamkeit wieder auf die sportlichen Schlagzeilen, nachdem Prudhomme mit seinem positiven Corona-Test für einen Riesen-Wirbel im Tross gesorgt hatte.

Ausgerechnet Bennett, der aus Perspektivlosigkeit Ende 2019 das Bora-Team verlassen hatte, nachdem er weder für die Tour noch für den Giro d'Italia berücksichtigt worden war. Zur Krönung des Tages eroberte er auch das Grüne Trikot von Sagan, dem Superstar und Ex-Weltmeister, der ihm in der Vergangenheit auch den Weg zur Tour versperrt hatte. «Wir haben noch einige Möglichkeiten, das Trikot zurückzuholen», sagte Sagan. Altstar André Greipel konnte sich erstmals ein wenig in Szene setzen und belegte den sechsten Platz.

Es war das furiose Finale nach einer turbulenten Etappe mit einigen Stürzen und nicht ungefährlichen Windkanten-Attacken. Mit ein wenig Mühe hielten sich die Stars der Branche aber schadlos. Der slowenische Überflieger Primoz Roglic verteidigte sein Gelbes Trikot erfolgreich, wenngleich er durch einen Sturz kurzzeitig gebremst worden war. Roglic liegt im Gesamtklassement weiter 21 Sekunden vor dem kolumbianischen Vorjahressieger Egan Bernal. Der Vorjahresvierte Emanuel Buchmann büßte weitere fünf Minuten ein. Nach dem Einbruch in den Pyrenäen hatte er aber bereits angekündigt, dass die Gesamtwertung keine Bedeutung mehr habe.

Beim Insel-Hopping - der Start erfolgte auf der benachbarten Île d'Oléron - ging es aber hektisch zu. Immer wieder war es zu Stürzen gekommen. Dabei waren auch der deutsche Klassikerspezialist Nils Politt sowie Jonas Koch betroffen. Der Kölner Politt verletzte sich an der Schulter, konnte die Fahrt aber fortsetzen. Aufgehalten wurden zwischenzeitlich neben Roglic auch die Klassement-Fahrer Guillaume Martin und Tadej Pogacar - aber ohne Folgen.

Alle 166 im Rennen befindlichen Fahrer hatten die mit Spannung erwarteten Corona-Tests am Ruhetag ohne Befund passiert. Lediglich vier Mitglieder aus dem Betreuerstab der 22 Teams waren bei den 841 PCR-Tests auffällig. Das traf auch auf Tourchef Prudhomme zu, der bis zuletzt die Fahrer immer wieder eindringlich zur Einhaltung der Corona-Regeln animiert und sich für strikte Regeln stark gemacht hatte.

«Ich werde die Tour für acht Tage verlassen. Ich werde mich wie jeder französische Angestellte in so einem Fall verhalten», sagte der frühere Journalist der Nachrichtenagentur AFP. Prudhomme betonte, dass er keinen Kontakt zu den Fahrern gehabt und auch nicht der sogenannten Blase angehört habe. «Die Fahrer leben wie Mönch-Soldaten, das ist bei mir nicht der Fall.» Aufgrund seiner Funktion habe er viele Gäste und Verantwortliche getroffen, so Prudhomme, der durch François Lemarchand ersetzt wird.

«Das ist natürlich nicht gut», sagte der deutsche Radprofi Simon Geschke dem ZDF und fügte hinzu: «Ich hoffe, dass er mit keinem Fahrer Kontakt hatte. Ich habe ihm jedenfalls noch nicht die Hand gegeben.» Und Nikias Arndt meinte: «Uns war bewusst, dass in dieser Blase ein Fall auftreten kann.»

Pikant ist dabei, dass erst am Samstag der französische Premierminister Jean Castex auf der Pyrenäen-Etappe im Auto von Prudhomme Platz genommen hatte. Es ist Usus bei der Frankreich-Rundfahrt, dass die wichtigsten Politiker des Landes regelmäßig einen Abstecher zum Nationalheiligtum Frankreichs machen. Staatschef Emmanuel Macron war dieses Jahr aber noch nicht vor Ort. Für Castex gibt es Kabinettssitzungen vorerst nur per Videokonferenz, wie Macron klarstellte. Er werde sich umgehend testen lassen, kündigte der Premierminister indes an. Wie die Nachrichtenagentur AFP am Abend berichtete, wurde der Regierungschef negativ auf das Virus getestet.

Am Mittwoch wird die Frankreich-Rundfahrt mit der elften Etappe über 167,5 Kilometer von Châtelaillon-Plage nach Poitiers fortgesetzt. Abgesehen von einem Berg der vierten Kategorie warten keine großen Schwierigkeiten, so dass es zu einem Massensprint kommen könnte.

© dpa-infocom, dpa:200908-99-474075/10

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Veröffentlicht am:
08. 09. 2020
22:09 Uhr

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