Sport

Zwischen Doping-Razzia und Terminhatz: Rad-WM mit Reizfigur

Normalerweise ist die Straßenrad-WM ein Highlight, auf das Fahrer monatelang hinarbeiten. Doch 2020 ist alles anders. Immerhin vier Tage haben die Radsport-Verantwortlichen zwischen all den Top-Rennen freigeräumt. Und nun stören auch noch Nebengeräusche.



Nairo Quintana
Äußerte sich nach der Razzia bei der Tour: Radsport-Star Nairo Quintana.   Foto: Marco Bertorello/POOL AFP/AP/dpa

Erst eine Doping-Razzia bei der Tour de France, nun die große Reizfigur bei der Straßen-WM?

Der kolumbianische Rad-Star Nairo Quintana ist nach der Aufnahme von Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Marseille in die Offensive gegangen und hat sich vehement gegen alle Doping-Vorwürfe gewehrt. «Ich habe nichts und hatte niemals etwas zu verstecken. Ich war während meines gesamten Sportlebens ein sauberer Radprofi», schrieb Quintana in einer Botschaft, die er zwischen Tour-Finale und WM-Start in Imola am Donnerstag in den Sozialen Medien veröffentlichte.

Die viertägigen Titelkämpfe auf der Formel-1-Rennstrecke drohen nun von der irren Radsport-Terminhatz und vor allem den neuen Ermittlungen überlagert zu werden. «Die Behörden betraten mein Zimmer und beschlagnahmten völlig legale Vitaminpräparate, obwohl sie den französischen Behörden vielleicht nicht bekannt waren», schrieb Quintana. Zu seiner Verteidigung fügte der Profi vom französischen Team Arkéa-Samsic an: «Um jeden Zweifel zu vermeiden, möchte ich bestätigen, dass nie Dopingsubstanzen gefunden wurden.»

Am Tag der Tour-Königsetappe am vergangenen Mittwoch war Quintanas Team ins Visier geraten. Im Teamhotel in der Nähe von Méribel wurden Medien zufolge auch Hinweise auf Doping entdeckt. Ein Arzt und ein Betreuer wurden am Montag in Polizeigewahrsam genommen und kamen erst in der Nacht zum Mittwoch wieder auf freien Fuß, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Folgen in den kommenden Tagen weitere Ergebnisse der Ermittler, dürften diese auch das sportliche Geschehen der stark eingekürzten Titelkämpfe in Imola in den Schatten stellen.

Vom Weltverband UCI und Präsident David Lappartient gab es bei der Auftakt-Pressekonferenz kein Statement zur Causa Quintana und den befürchteten Konsequenzen rund um die Wettkämpfe. Nachfragen waren nicht zugelassen. Dabei hat die WM mit Start und Ziel im berühmten «Autodromo Enzo e Dino Ferrari» ohnehin nicht die Sonderstellung wie sonst üblich.

Mit dem Auftakt unmittelbar nach Tour-Ende und dem prestigeträchtigen Straßenrennen sechs Tage vor Beginn des Giro d'Italia haben sich einige Profis wie die Ineos-Stars Egan Bernal (Kolumbien) und Chris Froome, die Yates-Brüder Simon und Adam (alle drei Großbritannien) sowie der deutsche Hoffnungsträger Emanuel Buchmann gegen einen Start in der Emilia Romagna entschieden.

Auch Nils Politt, Tony Martin und Tour-Etappensieger Lennard Kämna sind für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) nicht dabei. «Wir haben einige Rennfahrer, die von den Teams her abgesagt haben, weil anschließend die Klassiker stattfinden. Wir haben etliche Absagen bekommen, die Straßen-Mannschaft hat sich von selbst aufgestellt», sagte der Sportliche Leiter Jens Zemke der Deutschen Presse-Agentur. Für Junioren-Rennen und die neu eingeführte Mixed-Staffel ist nach dem coronabedingten Ortswechsel von Aigle/Martigny (Schweiz) nach Italien keine Zeit, sie wurden gestrichen.

Als deutscher Kapitän geht Klassikerspezialist Maximilian Schachmann in das anspruchsvolle 258-Kilometer-Rennen am Sonntag. Sein Programm sah nach der Tour-Ankunft auf den Pariser Champs-Élysées so aus: Montag Heimreise, Dienstag frei, Mittwoch Anreise nach Imola. «Es geht immer noch um das Regenbogentrikot. Die WM hat nicht an Wert verloren», stellt Schachmann klar.

Statt wochenlangem Formaufbau und Scouting kann der Profi des deutschen Bora-hansgrohe-Teams diesmal nur die knappe Zeit nutzen, um den 28,8 Kilometer langen Rundkurs kennenzulernen. Teamchef Zemke ist dankbar, dass die WM überhaupt steigen kann. «Wir sind froh um jedes Radrennen, das wirklich stattfindet. Die Fahrer sollen jedes Rennen so angehen, als wäre es das letzte», sagte er.

© dpa-infocom, dpa:200923-99-672114/6

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Veröffentlicht am:
23. 09. 2020
17:38 Uhr

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23. 09. 2020
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